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"Der Schlittschuhclown"

Fünf Jahre alt ist Helmut, als er 1941 mit seiner Mutter und Großmutter nach Sibirien verbannt wird. In dem Dorf Bubnova findet die Familie eine neue Bleibe. Helmut ist ein behindertes Kind, er kam ohne Stimmbänder auf die Welt. Er ist künstlerisch sehr begabt, er kann gut zeichnen. Er wird - weil Deutscher, ein "Faschist" - von den Dorfkindern gehaßt und gequält. Wie er alles übersteht und am Schluß doch noch tragisch endet, erfahren Sie in diesem spannenden Buch.

Aus "Kulturpolitische Korrespondenz" 28. 2. 2001  Stumme Klage gegen den Haß

Rußlanddeutsches Schicksal: Helmut – ein Schlittschuhclown in Sibirien 

Nachdem die Autorin in den letzten Jahren die Erfahrung machen mußte, daß rußlanddeutsche Themen bei deutschen Verlagen nicht mehr gefragt sind, hat sie sich entschlossen, ihre Bücher in eigener Regie herauszugeben. Es ist der Autorin für ihren unternehmerischen Mut und auch die Überzeugung, daß diese Bücher zur Identitätsbildung der Rußlanddeutschen unverzichtbar sind, zu danken. Konnte die Autorin schon zu Beginn des Jahres eine Neufassung ihrer längst vergriffenen Biographie „Wölfe und Sonnenblumen / Der Zug in die Freiheit“ vorlegen, so ist nun ein völlig neues Buch der Chronistin der Rußlanddeutschen erschienen, das zur Grundausstattung der Jugendbüchereien gehören sollte, obwohl es natürlich auch von Erwachsenen gelesen werden kann. Die Geschichte beginnt mit einem Furioso. Es ist Dezember 1942 irgendwo in Sibirien: Bei minus 48 Grad sind Klara Neugebauer, ihr fünfjähriger Sohn Helmut, und ihre Mutter Rosa Heidebrecht auf der Ladefläche eines Lasters seit Stunden unterwegs. Die Dorfgemeinschaft der deutschen Siedlung Andrenburg aus der Ukraine, die seit der Verbannung weitgehend in einem Kolchos zusammengeblieben war, sollte zerschlagen und in alle Winde zerstreut werden. Nun sollen sie zur Kolchose Clara Zetkin in Bubnowa in der Nähe von Barnaul ins Altaigebirge gebracht werden. Damit ihr Junge nicht erfriert, macht Klara den Fahrer auf sich aufmerksam, so daß er stoppt. Es gelingt ihr, den Zündschlüssel abzuziehen und sie droht, den Schlüssel in die Schneeverwehungen zu werfen, wenn der Fahrer sie nicht im Führerhaus unterbringen würde. Mit großer Mühe kann sie ihr Ziel erreichen. Der Fahrer rächt sich aber, indem er nach der Ankunft in der Kolchose eine Holzkiste, die ihre Nähmaschine enthält, zunächst entwenden möchte, später einfach auf den Boden fallen läßt. Zum Glück ist sie aber nicht zerstört und sollte später zu einem wichtigen Mittel der Existenzsicherung für die kleine Gruppe werden. 

Schon diese Eingangsgeschichte zeigt das erzählerische Vermögen der Autorin und erinnert im Spannungsaufbau an „Aljoscha ein Junge aus Krivoj Rog“. Trotzdem ist diese Erzählung völlig anders angelegt. Die Autorin fokussiert das Geschehen auf den kleinen, feingliedrigen, scheuen Helmut, der nicht sprechen kann, da er ohne Stimmbänder geboren wurde. Untergebracht wurden sie bei der alten Manja Nikolajewna, die aufgehetzt durch ihre Schwiegertochter, zunächst keine Deutschen aufnehmen wollte, sich später aber rührend um den Jungen kümmern sollte. Die aufmerksame Art des Jungen trug sicherlich dazu bei, die Einstellung der Alten zu verändern. Da der Junge nicht sprechen und sich gegen Gewalttätigkeiten nicht richtig wehren kann, wird er schnell zur Zielscheibe der Aggression der Dorfjugend. Besonders hervor tut sich ein schlaksiger Junge namens Lowa, der Helmut unbarmherzig durch das Dorf treibt und dabei schreit: „Faschist, Nyemzi, Fritz, Hitlerist, dir werde ich schon zeigen, was einem Faschisten zusteht.“ Helmut verstand nicht, warum man ihn so quält. Lowas Vater ist im Krieg gefallen und auch sein Onkel war im Krieg getötet worden. Das entfachte einen großen Haß in dem Jungen und er machte sogar Helmut für den Krieg verantwortlich. Sonja, ein Mädchen aus der Nachbarschaft stand ihm aber bei und informierte auch Manja über das Treiben Lowas. Für Helmut wurde es erst besser, als sich der Bürgermeister einschaltete und Lowa verwarnte. Trotzdem blieb Lowa das große Vorbild Helmuts. Lowa war ein erstklassiger Eisschnelläufer und der Applaus der Dörfler für seine gewagten Sprünge war ihm immer sicher. Helmut wurde auch mit 7 Jahren noch nicht eingeschult, da Lowas Mutter beim Schulamt Protest gegen den Schulbesuch eines deutschen Kindes eingelegt hatte. In dieser Zeit war es auch, als Babuschka Manja seinem Wunsch nachgab und ein Paar Schlittschuhe für den Jungen erwarb. Ein unbändiger Wille trieb ihn an, er wollte das Schlittschuhfahren erlernen, koste es, was es wolle, Prellungen und Schürfwunden hinderten ihn dabei nicht. Es sollte nur wenige Wochen dauern, bis er sogar Sprünge auf dem Eis ausführen konnte. Das nötigte sogar Lowa, seinem verbitterten Gegner, Respekt ab und er zeigte ihm einige Tricks auf dem Eis. 

Zum Könner wurde er aber erst, als im Sommer 1945 Jascha, ein Kriegsinvalide, zurückkam. Ihm hatte eine Granate das Bein zerfetzt und er wollte zunächst nicht weiterleben. Mit einem kleinen Hund errang er die Zuneigung des Jungen. Jascha, der vor dem Kriege im Eisschnellauf viele Preise erringen konnte, wurde Helmuts Trainer. Zu seinem Erstaunen mußte er aber feststellen, daß Helmut nicht am Eisschnellauf seine Freude hatte, sondern das Publikum am Rande des Eises mit seinen Kunststücken unterhielt. Seine Aussage: „Er ist ein Clown auf dem Eis“, die nicht nur positiv gemeint war, sollte sich Jahre später bewahrheiten. Zeichnen, das zweite große Talent Helmuts, konnte nicht zur Blüte kommen, da Helmut als Deutscher nicht das Institut für Bildende Künstler besuchen konnte. Mit seinen lustigen, frechen, unbekümmerten Clownsgesichtern, die er immer wieder zeichnete, brachte er zum Ausdruck, daß er zum Zirkus gehen wollte. Jascha gelang es schließlich, ihn in einem Zirkus unterzubringen. Über zwölf Jahre zog er als Clown mit einem Zirkus durch das Land. Sonja, seine Freundin aus Jugendzeiten und spätere Frau, gab schließlich Einflüsterungen nach, warum sie sich denn einen Stummen geheiratet habe und trennte sich von Helmut. Das verletzte ihn tief.  

Verstört kehrte er nach Bubnowa zurück und begeisterte wieder die Dörfler mit seinen Kunststücken auf dem Eis. Eines Tages, Ende März, das Tauwetter war in  vollem Gange, zog  er sein schönstes Clownkostüm an und ging wieder zum zugefrorenen Fluß. Nur Jascha bemerkte, daß er sich unter jedem Auge Tränen geschminkt hatte. Dann setzte er zu einer Pirouette an, „drehte sich schwungvoll.... und glitt ins offene Wasser. Wie zum letzten Gruß hob er die Hand. Nochmals ein Aufschrei - dann war alles vorbei! Helmut war im Wasser verschwunden.“ Es ist eine faszinierende Geschichte, die anrührt, die einen nicht mehr losläßt. An dieser Figur des Helmut wird deutlich, wohin Haß und Ausgrenzung führen. Wiederum hat Nelly Däs eine differenzierte Geschichte wider den Haß geschrieben, die selbstverständlich noch mehr Erzählebenen hat, da sind die Gespräche der Frauen, die ahnen lassen, welche Tragik die totalitäre Geschichte mit sich brachte, großartig gelingen der Autorin auch Naturschilderungen: Unvergeßlich bleibt der Angelausflug mit Jascha und Bobik. Im Zentrum ihrer Erzählung bleibt aber das märtyrerhafte Schicksal des rußlanddeutschen Jungen Helmut während der Zeit des Zweiten Weltkriegs, gezeichnet durch das Kainsmal der Stummheit, der alle Anfeindungen überwindet, an einer großen Enttäuschung aber  zerbricht. Dieses Buch bietet viele Zugänge und ist nicht auf die rußlanddeutsche Thematik beschränkt. Es läßt sich z.B. auch unter dem Blickwinkel der Außenseiterthematik lesen.  Eckhard Scheld  

Leseprobe: ... Auf dem Fluß herrschte bereits ein reges Treiben. Die Dorfkinder sausten kreuz und quer über das Eis. Der Matador auf dem Eis war jedoch - wie immer - Lowa. Als Lowa Helmut auf den Schlittschuhen am Rand stehen sah, kam er angefahren und bremste vor ihm so abrupt, daß Helmut hinter einer Eiswolke verschwand. Helmut wich aber keinen Schritt zurück, er sah Lowa furchtlos ins Gesicht.

"Da schau einer an! Der Faschist hat sich doch tatsächlich Schlittschuhe angeschafft. Hast du überhaupt den Mut, dich damit aufs Eis zu wagen?"

"Laß Helmut in Ruhe, sonst sage ich es Ignati", fuhr Sonja dazwischen.

"Willst du mir drohen? Wenn du nicht ein Mädchen wärst, würde ich dir eine aufs Maul schlagen."

"Laß das lieber bleiben", mischte sich ein anderer Junge ein. "Ich denke, wir sollten dem Kleinen helfen. Komm, ich faß dich bei den Händen, und wir fahren gemeinsam." Helmut reichte dem Jungen vertrauensvoll die Hände. Vorsichtig zog er Helmut auf die glatte Fläche. Die ersten Bewegungen waren tolpatschig und holprig, aber nach einigen Minuten fand Helmut den Mut und ließ die hilfereichenden Hände los. Er machte einige Schritte allein, dann drehte er sich zu Sonja um und lachte auf seine lautlose Art.

"Der kann ja nicht mal laut lachen, so ein Dummkopf ist der Faschist! Und den sollen wir jetzt immer hier vor Augen haben? Wir sollen immer auf den Faschisten Rücksicht nehmen! Wenn er stürzt, dann heißt es, Lowa hat ihn gestoßen! Nein, das lasse ich nicht zu. Er hat auf dem Eis nichts zu suchen!"

 "Wenn du ihn nicht sehen willst, dann kannst du ja verschwinden. Wir haben es alle satt, uns ständig von dir Vorschriften machen zu lassen. Hast du gehört, wir lassen uns nicht mehr von dir herumkommandieren!" rief einer der Jungen. Lowa wurde rot im Gesicht und nahm eine drohende Haltung ein.

 "Meine Mutter sagt, Lowa hetze alle Kinder gegen den deutschen Jungen auf, wir sollen uns dagegen zur Wehr setzen! Tonja Nikolajewna (Anm.: die Lehrerin) wird sich auch freuen, wenn wir ihm helfen." Ein Mädchen von etwa zwölf Jahren stellte sich demonstrativ neben Sonja und Helmut. Lowa sah in die Runde, er war sich sicher, daß die anderen Kinder auf seiner Seite bleiben würden. Er riß die Augen groß auf, als er sehen mußte, daß ein Kind nach dem anderen die Seite wechselte. Nur drei aus seiner Klasse blieben bei ihm, und sie gehörten ohnehin zu den Raufbolden im Dorf.

Plötzlich wurde Lowa nachdenklich. Er war seither immer der Tonangebende und der Unterdrücker der schwächeren Kinder gewesen. Daß er jetzt nur noch von Raufbolden umgeben war, gefiel ihm anscheinend doch nicht. Jetzt erkannte er, daß er sich mit seinem Verhalten keine Freunde geschaffen hatte. Tonja Nikolajewna hatte in der Schule den Schülern vorgeworfen, sie seien alle Feiglinge, weil sie sich gegen die Schikanen von Lowa nicht zur Wehr setzten. Das hatte nun gewirkt. Einige Jungen wurden mutiger und ließen sich nicht mehr alles von Lowa gefallen. Sie widersetzten sich nun des öfteren seinem Kommando.

Ab diesem denkwürdigen Tag änderte sich für Helmut so einiges. Er war jeden Tag auf dem Fluß und übte fleißig. Seine Ausdauer und seine Hartnäckigkeit grenzten schon fast an Verbissenheit, beklagte sich Rosa. Manja war nicht ihrer Meinung und widersprach ihr entschieden.

„Du mußt den Jungen verstehen, er  m u ß  das Laufen lernen. Für ihn steht so viel auf dem Spiel. Wenn er sich nur erst halb so gut wie Lowa auf dem Eis bewegen kann, dann gehört er zu den Kindern im Dorf. Für den Jungen bedeutet das Schlittschuhlaufen alles. Er will nicht mehr ausgeschlossen sein, er will endlich dazugehören. Und eines kann ich dir sagen: Lowa wird nicht lange mehr der Beste sein, nein, Helmut wird ihm den Rang abjagen."

"Babuschka Manja, Ihr redet wie eine..."

"Wie eine, die an den Jungen glaubt und auf ihn große Stücke hält. Hast du neulich gesehen, wie er für Sonja die Rechenaufgabe gemacht hat? Weißt du, daß er schon recht gut schreiben kann? Du bist mit deiner Näherei vollauf beschäftigt, dabei entgeht dir so einiges. Ja, Helmut kann schreiben, er wird auch der Beste auf dem Eis werden!"

"Ich will mich mit Euch nicht streiten. Ihr müßt mich auch verstehen, wir dürfen dem Jungen keine Flausen in den Kopf setzten, sonst wird er noch hochmütig und..."

"Und was? Helmut ist ein hochintelligenter Junge, das hast du anscheinend vergessen. Nein, hochmütig, eingebildet, das wird der Junge nie. Er wird seine Grenzen erkennen und sich danach richten." Taschenka war unbemerkt eingetreten und nahm Rosa mit ihrem Zwischenruf allen Wind aus den Segeln. „Du warst es doch, die vor zwei Jahren von Helmuts Intelligenz
so überzeugt war. Was ist nun, er hat sich doch nicht zurückentwickelt? Oh nein, er ist ein zäher, kleiner Bursche, er wird seinen Weg schon gehen.“ 

Eines Tages kam Lowa zum Fluß und sah, wie Helmut bei einem Sprung stürzte. Erschrocken eilte er ihm zu Hilfe. Als Helmut bemerkte, wie Lowa auf ihn zufuhr, hob er voller Angst abwehrend die Hände. Sie waren die einzigen Läufer auf dem Eis, so konnte Helmut keine andere Hilfe erwarten.

"Hast du dir weh getan? Komm, ich helfe dir auf." Lowa nahm Helmut an der Hand und zog ihn in die Höhe. Er klopfte ihm den Schnee von der Kleidung und tat sehr besorgt. Helmut lachte ihn vertrauensvoll an.

"Bist ein armer Kerl! Es tut mir leid, du brauchst keine Angst mehr vor mir zu haben." Lowa war sehr verlegen, er konnte Helmut zuerst nicht in die Augen sehen. Helmut streichelte Lowa über den Arm und sah ihm lachend ins Gesicht. In Lowa wollte der alte Haß wieder aufsteigen, doch er beherrschte sich. Er wollte nicht riskieren, noch die letzten Freunde zu verlieren.

"Komm, ich zeige dir einige Sprünge und bringe dir das Rückwärtsfahren bei. Du brauchst keine Angst zu haben, es geht ganz leicht. Faß mich an!" Sie fegten nun beide über das Eis. Lowa war ein guter Lehrmeister, und Helmut war glücklich, daß er nicht mehr böse mit ihm war. Er schaute Lowa so manchen Trick ab. Nach wenigen Wochen konnte Helmut rückwärts fahren, sich drehen und wenden wie ein Profi. Helmut war zäh und ausdauernd. Wenn er stürzte, stand er lachend auf und wiederholte den mißlungenen Sprung. Immer wieder und immer wieder! Oft kam er mit Abschürfungen an Händen und im Gesicht heim. Auch seine Kleidung wurde sehr in Mitleidenschaft gezogen. Es war offensichtlich, der Junge war rundum zufrieden. Auf dem Heimweg machte Helmut dann einen Umweg, er wollte nicht am Haus seiner Mutter vorbeigehen, sie sollte nicht sehen, in welchem Zustand er war, und Ignati auch nicht. Durch seine Zeichnungen erfuhren Rosa und die Babuschka, daß Lowa den Jungen nicht mehr belästigte. Die Abschürfungen kamen von den Stürzen, die Helmut sich beim harten Training zuzog. Er wurde selbstbewußt und abgehärtet. Hätte Klara gesehen, daß der Junge am ganzen Körper mit blauen Flecken übersät war, sie hätte ihm das Schlittschuhfahren wahrscheinlich verboten. Helmut lebte dadurch aber erst richtig auf, sein Appetit wuchs ins Unendliche. Seine Wangen waren rot, seine Augen glänzten. ...   3 Jahre später  ... 

Die Junisonne stand hoch am Himmel und strahlte angenehme Wärme aus. Jascha saß auf der Bank neben der Haustür und genoß die Sonne in vollen Zügen. Taschenka war wieder einmal zum Einkaufen ins Dorf gegangen. Jascha sah einen Mann den Abhang heraufkommen. Er erkannte ihn erst, als er schon fast vor ihm stand. Es war der alte Zigeuner Jakow. ‘Daß es den noch gibt’, schoß es ihm durch den Kopf. ‘Mal sehen, was der will!’  ...

"Jakow, du alter Gauner! Du lebst ja auch noch! Sag mir, wie viele Kinderchen hat deine Rosalie inzwischen? Halt, halt, laß mich raten. Wenn ich die Jahre zähle, die ich fort war - du hattest damals schon neun - dann müßte es jetzt zwölf oder schon dreizehn dieser Prachtexemplare geben? Hab ich recht? General bin ich nicht geworden, dazu hat es bei mir nicht gereicht. Dafür durfte ich immer in der vordersten Reihe stehen oder liegen. Eines kann ich Dir versichern, der Krieg war kein Honiglecken!" Jakow kam langsam näher.

"Es tut mir leid, Genosse Jascha, wenn ich dich mit meinem vorlauten Mundwerk beleidigt habe. Mit den Kinderchen stimmt es so ungefähr. Allerdings hatte meine Rosalie zwischendurch Zwillinge, so sind es vierzehn geworden. Als Prachtexemplare bezeichnest du meine Kinder zurecht, es sind richtige Teufelskerle dabei." Jakow schien das Gespräch mit Jascha zu gefallen. Er schlug sich auf die Brust. "Ich habe mein Soll für den Sozialismus erfüllt. Es sind zwar auch einige Mädchen darunter, aber die kleinen 'Rosalies' braucht man eben auch. Hab ich recht?"

"Das ist ja nicht zu glauben. Ich gratuliere Dir zu deinem Nachwuchs. Es muß doch sehr anstrengend sein, jeden Tag vierzehn Kinder um sich zu haben. Wie wirst du nur damit fertig?"

"Das ist nicht mein Problem, dafür ist Rosalie zuständig. Ich schaffe das Brot herbei, und die Kinder ‘sorgen’ für das Übrige. Sie sind sehr erfinderisch im 'Besorgen', das kannst Du mir glauben, Genosse. Da mal eine Henne und da mal ein paar Eierchen. Nur der Winter macht mir zu schaffen. Die in Moskau wollen, daß wir Zigeuner einen festen Wohnsitz haben, und zwar das ganze Jahr über. Doch, Genosse Jascha Pawlowitsch, wie kann ich in einer Kolchose arbeiten, wenn mein Blut kocht und auf Wanderschaft will? Ich muß meiner Tradition folgen und über Land ziehen. Aber mal was anderes: Deine Frau sagte mir, sie habe einen Kessel zum Flicken und mehrere Messer zum Schleifen. Kannst Du mir das Zeug bringen, ich muß doch Geld verdienen, meine Kinder müssen..."

"Halt, halt, nicht die alte gewohnte Litanei. Ich hole Dir die Messer und den Kessel. Es ist auch noch eine Schere da, sie schneidet fast nichts mehr." Jascha stand auf und wollte ins Haus gehen. Sein Blick fiel auf die Brust des Zigeuners. Irgend etwas bewegte sich unter dessen Jacke.

"Was hast du unter deiner Jacke?"

"Ach, nichts Besonderes, es ist ein Welpe. Ich will ihn irgendwo ins Wasser werfen. Meine alte Hündin hat fünf Junge, und die Kinder bewachen die Welpen wie die Schießhunde. So muß ich einen nach dem anderen stehlen, um ihn zu töten. Doch sag, Genosse: Kann ich vierzehn Kinder und ebenso viele Hunde ernähren? Die Hündin schleppt mir jedes Jahr eine andere Mischung an. In jedem Dorf warten die Rüden schon auf meine Hündin. Es ist zum Verzweifeln. Jetzt habe ich einen Rüden aufgezogen. Er wird ihre Stelle einnehmen, wenn die alte Dame nicht mehr ist. Er schleppt mir wenigstens nicht dauernd Welpen an."

"Ich mache dir einen Vorschlag. Du überläßt mir den Welpen, dann bist du ihn los! Ich wollte mir ohnehin einen Hund anschaffen. Einverstanden?"

"Was zahlst du mir für den Hund?"

"Na, hör mal! Eben wolltest du den Welpen noch ersäufen, und plötzlich willst du Geld dafür!"

"Das war vorher! Da hatte ich keinerlei Geschäftsinteresse. Jetzt ist das anders. Du willst einen Hund - und ich habe einen Hund. Also, wo ist das Problem? Willst du den Hund? Ja oder nein? Wenn ja, dann mußt du ihn mir abkaufen. Geschäft ist Geschäft."

"Jakow, du warst und bist ein Gauner! Ist ja schon gut, du brauchst deinen Mund nicht weiter aufzureißen. Ich kaufe den kleinen Burschen. Zuvor will ich ihn aber sehen, eine Katze im Sack kaufe ich nicht."

"In Ordnung, das ist völlig in Ordnung. Jeder soll die Ware sehen, die er kaufen will." Der Zigeuner holte den Welpen unter seiner Jacke hervor und hielt ihn Jascha entgegen. Der nahm den kleinen Kerl und sah ihn sich von allen Seiten an. Es war eine Mischung aus verschiedenen Rassen, das sah Jascha mit einem Blick. Sicher würde er ein Dorfköter ersten Ranges werden. Ob er klein oder groß würde, war ihm noch nicht anzusehen. Seine Beine waren kurze Stumpen, und sein schwarzes Fell hatte mehrere weiße Flecken. Seine Ohren hingen ihm bis zum Hals herunter, mit seinen schwarzen Augen sah er Jascha treuherzig an. Damit hatte der kleine Bursche Jaschas Herz im Sturm erobert. Plötzlich kam ihm ein Gedanke. Mit dem Welpen könnte er Helmuts Zuneigung gewinnen. Er dachte kurz nach und sagte zu dem Zigeuner:

"Schau dich mal um, dort drüben steht ein kleiner Junge."

"Den kenne ich. Das ist der kleine Faschist, der schon seit Jahren bei Manja Nikolajewna wohnt, er ist harmlos."

"Das weiß ich, daß er harmlos ist. Und ein Faschist ist er auch nicht! Er ist ein Kind wie andere Kinder. Du solltest mehr Verständnis für Kinder haben, du mit deiner Fußballmannschaft samt Ersatzmännern. Ich sage doch auch nicht Bälger zu deinen Kindern!"

Jascha war verärgert. Was wissen diese Menschen hier im hintersten Winkel der Welt von den Deutschen. Faschist, Fritz, solch ein Blödsinn wächst nur in den Gehirnen von Unwissenden.

"Du machst mir Spaß! Bälger - meine Kinder sind sowjetische Bürger."

"Meinetwegen. Stolz brauchst du darauf nicht zu sein!" Jascha war sehr verärgert.

"Mein Ältester ist schon beim Militär, er steht seinen Mann für Rußland an der Front."

"Das bestreite ich doch nicht. Der Junge dort drüben ist genauso ein sowjetischer Bürger wie dein Sohn. Er wird später auch seinen Mann für Rußland stehen."

"Was sagst du da? Der? Der ist doch ein Krüppel! Der wird immer eine Last für die Sowjetunion sein. Genosse, du bist sehr kurzsichtig."

"Ich will mich mit dir nicht streiten, Jakow. Ich zahle dir für den Welpen fünf Rubel. Wenn Du willst, ist der Handel perfekt, wenn nicht, dann kannst du ihn ersäufen", unterbrach Jascha barsch das Gerede.

"Der Handel gilt, und nichts für ungut, Genosse General." Jakow deutete eine Verbeugung an und ließ seine schwarzen Schweinsäuglein nicht von Jascha. 'Das hätte ins Auge gehen können, und das Geschäft wäre beinahe nicht zustande gekommen. Es ist nicht gut, wenn man so vorlaut ist. Nächstes Mal teste ich erst die Gesinnung meines Geschäftspartners, bevor ich patriotische Weisheiten von mir gebe', schoß es Jakow durch den Kopf.

"Ich war kein General, das habe ich dir vorher doch schon gesagt. Es ist auch nicht wichtig, was ich in Krieg war, oder bist du da anderer Meinung? Den Hund behalte ich gleich. Das Geld bekommst du erst, wenn du die Messer und den geflickten Kessel wieder zurückbringst."

Als der Zigeuner fort war, holte Jascha ein Schüsselchen Milch und stellte es auf die Bank neben sich. Dann hob er den Welpen hoch und stupste ihn mit der Nase in die Milch. Hungrig fing der Welpe sofort mit der Zunge zu schlabbern an. Jascha schaute ihm einige Minuten zu. Er rief Helmut, er solle kommen und sich den Hund ansehen.

"Der Hund gehört uns gemeinsam", rief er dem Jungen zu. Helmut kam ganz vorsichtig durch das Hoftor und näherte sich langsam dem Haus. Als er den kleinen Hund erblickte, wurden seine Schritte schneller. Kurz vor Jascha blieb er stehen und sah zu, wie der Welpe es sich schmecken ließ.

"Gefällt er dir?" Ein heftiges Kopfnicken war die Antwort.

"Du darfst ihn anfassen." Helmut streichelte dem Welpen ganz zart über den Rücken, dabei lächelte er Jascha zurückhaltend an.

"Ist der nicht schön? Hier, halt ihn mal. Komm, setz dich neben mich. So, nun nimm den Hund auf deinen Schoß. Nicht so fest drücken, das tut ihm weh. Halt ihn ganz locker. So ist es recht. Was meinst du, wie soll er heißen? Ach so, ich habe ganz vergessen, daß du nicht ..." Jascha überlegte ein Weilchen, dann sagte er:

"Wir machen das so: Ich schlage mehrere Namen vor. Wenn dir einer gefällt, dann nickst du mit dem Kopf. Einverstanden?" Wieder ein zustimmendes Kopfnicken.

"Also fangen wir an. Bobik? Nein. Strelka? Wie dumm von mir, das ist ja ein Rüde! Kuska? Blöd, was? Scharik? Tasik? Auch nichts. Vielleicht doch Bobik?" Helmuts Gesicht überzog ein Lächeln. Ein mehrmaliges Nicken war die Zustimmung. Also bekam der Welpe den Namen Bobik.

Mit dem Welpen hatte Jascha das Herz von Helmut im Sturm erobert. Als Taschenka vom Einkauf zurückkam, traute sie ihren Augen nicht. Einträchtig saßen die zwei auf der Holzbank und ließen sich gemeinsam von der Sonne bescheinen. Neben ihnen auf der Bank stand eine Kiste mit Heu, und da drinnen schlief ein kleiner, allerliebster, schwarzweiß gefleckter Hund.