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Rezensionen 1.
Menschen als Treibgut der Geschichte
von
Eckhard Scheld Alle
Spuren sind verweht. Rußlanddeutsche Frauen in der Verbannung. Gesammelt und
herausgegeben von Nelly Däs, Stuttgart 1997, 254 Seiten. Vor einigen Monaten legte die prominente Regisseurin und ehemalige DDR-Bürgerrechtlerin bei Ullstein ihren aufrüttelnden Sammelband „Verschleppt ans Ende der Welt. Schicksale deutscher Frauen in sowjetischen Arbeitslagern“ vor und verblüffte die Öffentlichkeit anhand von 13 Lebensläufen mit dem bisher weitgehend unbekannten Schicksal dieser verschleppten deutschen Frauen. Es ist erfreulich daß dieses wichtige Buch endlich auch in den Medien Resonanz findet. Schon 1985, noch zu DDR-Zeiten, hatte Karl-Heinz Jakobs, ebenfalls bei Ullstein, sein Buch „Das endlose Jahr“ vorgelegt und die bittere Geschichte der deutschen Schriftstellerin Dorothea Garai erzählt, die 1933 in die UdSSR emigrierte, 1937 in ein sibirisches Straflager verschleppt und erst 19 Jahre später entlassen wurde. Das Schicksal der rußlanddeutschen Frauen wird in diesen Büchern aber nicht angesprochen. Diese Lücke füllt nun das neue Buch der bekannten rußlanddeutschen Erzählerin Nelly Däs, deren Verfilmung ihres Romans „Das Mädchen vom Fährhaus“ im letzten Jahr vom ZDF ausgestrahlt wurde. In vielen Büchern und Beiträgen hat die Autorin rußlanddeutsches Schicksal und Geschichte bewegend und gekonnt dargestellt. Immer wieder wurde die renommierte Autorin in vielfältigen
Gesprächen mit dem Leid der rußlanddeutschen Frauen und Mütter konfrontiert,
1985 ist dazu ihr Buch "Schicksalsjahre in Sibirien" erschienen.1994 gab sie dann rußlanddeutschen
Jugendlichen in ihrem vielbeachteten Sammelband „Laßt die Jugend sprechen“,
Gelegenheit, ihre Erlebnisse und Erfahrungen aufzuzeichnen. Nun hat die Autorin
dankenswerterweise diesen Versuch fortgesetzt. In der Zeitschrift der Rußlanddeutschen
„Volk auf dem Weg“ veröffentlichte sie einen Aufruf und
bat um Lebensberichte von rußlanddeutschen Frauen. Von 76 eingegangenen
Beiträgen wählte sie 20 aus für den Sammelband „Alle Spuren sind verweht“
aus, der erst seit 3 Wochen vorliegt. Die Autoren der jeweiligen Beiträge und
die Zeichner, die eindrucksvolle Illustrationen geliefert haben, bleiben nicht
namenlos. Nach eigenen Angaben gibt es kurze biographische Auskünfte am Ende
des Buches. Nicht zu Unrecht schrieb sie in ihrem Vorwort: „Jedes Schicksal,
das mir geschildert wurde, nahm ich in meinem Herzen auf. Manche der
Schilderungen bereiteten mir schlaflose Nächte.“ Es sind Innenansichten aus dem Gulag, die sich nicht einfach hintereinander lesen lassen, für die man Zeit braucht, auf die man sich einlassen muß, die man auch mehrmals lesen muß, da die geschilderten Schicksale in ihrer erzählerischen Wucht und Aussage zu gewaltig sind. Die Beiträge sind in erster Linie der Wahrheit verpflichtet. Im erzählerischen Duktus erinnern sie an Berichte aus der Dokumentation der Vertreibung. Die einzelnen Beiträge kreisen immer wieder um die tragischen Themenkomplexe Haft, Gefängnis, Lager, die Auswirkungen des Überfalls auf die SU für die dort lebenden Deutschen, Treck, Ansiedlung im Warthegau, Trudarmija und Repatriierung. Obgleich in der erzählerischen Darstellung die Stalinjahre bestimmend sind, wird der erzählerische Bogen weitergeführt, und man erfährt so, was aus diesen Frauen schließlich geworden ist. Es ist dann oft tröstlich, daß viele dieser gepeinigten Frauen Aufnahme in der Bundesrepublik fanden. Es fällt schwer, einzelne Beiträge hervorzuheben, da alle eindringlich geschrieben sind und exemplarisch den Leidensweg in der Verbannung schildern. Unvergeßlich bleiben aber die beiden Aufsätze von Nelly Däs. Da ist zunächst die Lebensgeschichte der Anna Becker „Eine Mutter kämpft um ihre Söhne“. Hier schildert sie das Schicksal der Anna Becker, die es nicht zulassen wollte, daß man ihre minderjährigen Söhne zur Trudarmija einziehen wollte, von sibirischen Nomaden Hilfe bekam und 16 Jahre mit ihren Söhnen in der Taiga lebte. In ihrer 2. poetischen Erzählung „Auf Sargsuche“ geht es um das Leben ihrer Tante Ottilie, die 1941 nach Inkinski / Sibirien verbannt wurde. Sie wollte ihren Sohn Ewald, der durch unmenschliche Arbeit in einem Bergwerk schwerkrank geworden war, besuchen und mußte nun erfahren, daß ihr Sohn gerade, am 7.Mai 1945, gestorben war. Es ist unvorstellbar, welche Mühen, diese Frau auf sich nehmen mußte, um Holzbretter für einen Sarg zu bekommen. Nur durch die Barmherzigkeit einer alten russischen Frau und der Solidarität von Ewalds ehemaligen Arbeitskollegen gelang es ihr schließlich, einen Sarg aufzutreiben, damit ihr Sohn bestattet werden konnte. Daß die Autorin mit der Sargsuche nicht etwas Singuläres schildert, habe ich aus dem Aufsatz „Die Beerdigung der Stepanida Ivanovna“ erfahren ( abgedruckt in dem Sammelband „Das neue Gottsuchertum und die alten Dogmen, hrsg. von Rudolf Grulich /Adolf Hampel, Gießen 1988 ), in dem der Autor von einer apokalyptischen Suche noch im Jahre 1967 berichtet. Leider kann man in Sammelband „Alle Spuren sind verweht“ ihren Aufsatz „Wie war das damals in Deutschland“, der einen Schlüssel zu ihrem Werk darstellt, nicht finden, bisher wurde er nur im „Heimatbuch 1995/1996 der Landsmannschaft der Deutschen aus Rußland“ abgedruckt. Hier schildert sie, wie es ihr , zusammen mit ihrer Mutter, mit Glück, Fügung und Courage gelang, sich den Häschern des Repatriierungskommandos zu entziehen. In einem informativen Vorwort gibt Dr. Herbert Wiens einen guten geschichtlichen Überblick rußlanddeutscher
Schicksalsjahre. Er erläutert u. a, daß es nur etwa 70 000 Rußlanddeutschen,
die vor der Roten Armee aus ihren Siedlungsgebieten geflohen waren, gelang, in
den westlichen Besatzungszonen aufgenommen zu werden. Was mit den übrigen
passierte, schildert exemplarisch der Bericht von Lucia Kaa. Unfaßbar sind die Not und die Schikanen, die
diese Frauen erleiden mußten. Nur 2 Seiten umfaßt Andreas Predigers Bericht
„Bewahre uns Gott“, aber gleichwohl stockt einem der Atem. Er
schildert, wie er beim Pflügen 1955 in Burlinsk auf Menschenknochen stieß.
Hier waren 1942 bei 42 Grad minus Verbannte aus der Wolgaregion auf blankem Feld
ohne Winterkleidung und Nahrung ausgesetzt worden. Bis auf eine Frau, wie er später
herausfand, waren alle anderen auf dem Feld verhungert und erfroren. Es ist anzuerkennen, daß Nelly Däs nicht nur das Leid aufzeigt, sondern auch Beispiele von Mut und Tapferkeit und Treue in, nach menschlichem Ermessen, schier ausweglosen Situationen aufführt. So ist Lilli Maier für das Portrait ihrer Mutter Maria Maier zu danken, die es durch ihren festen Glauben und unbeirrtes Handeln erreichen konnte, daß für die katholischen Gläubigen in Aktjubinsk ein Bethaus gebaut werden konnte. Freya Klier gab ihren Lesern einen Satz zum Nachdenken mit auf den Weg „Was wißt ihr schon“. Für Nelly Däs ist es eine Herzensangelegenheit, daß man um das Leid dieser Mütter weiß. Mit ihrem Buch hat sie nicht nur diesen Frauen ein literarisches Denkmal gesetzt, die es nicht verdient haben, daß man sie einfach vergißt, sondern mit diesen Erinnerungen auch dazu beigetragen, „das lebendige Gedächtnis der Nation“ zu bewahren. Der große russische
Schriftsteller Alexander Solschenizyn schrieb in seiner Nobelpreisrede im Jahre
1970, die er nicht halten durfte, weil ihm die Machthaber nicht die Ausreise
genehmigten: „ Doch wehe der
Nation, deren Literatur durch den Eingriff der Gewalt unterbrochen wird: das ist
nicht einfach eine Verletzung der Pressefreiheit, das ist die Abschnürung des
Herzens der Nation, die Austilgung des Gedächtnisses der Nation. Eine solche
Nation kennt sich selbst nicht mehr, verliert ihre geistige Einheit - und trotz
der scheinbar noch gemeinsamen Sprache können die Landsleute sich nicht mehr
untereinander verständigen.“( In: Alexander Solschenizyn, Nobelpreisrede über
die Literatur, zweisprachig, München 1974, S. 39). Diese Sätze, gemünzt für die geknechtete Literatur der
Stalinzeit, treffen in ihrer Grundaussage
aber auch hier genau den Sachverhalt.
Für diejenigen, die glauben, wegen der „political correctness“ dürfe man nicht über dieses Leid schreiben, erinnere ich daran, daß es kein antirussisches Buch ist und empfehle die Lektüre von Juri Karjakins Aufsatz „Shdanow-Flüssigkeit oder wider die Verleumdung“ oder Daniel Granins Aufsatz „Wen verbergen wir? Wozu?“ u.a. aus dem Sammelband hrsg. von Juri Afanassjew „Es gibt keine Alternative zu Perestroika“ aus dem Jahre 1986, wo diese Fragen zur Geschichtsaufarbeitung auch aus russischer Sicht schon gestellt wurden und auch wenn Rußland heute noch im Umbruch ist, noch auf eine Antwort harren. Es ist auch dem „Kulturrat der Deutschen aus Rußland“
zu danken, daß er es ermöglicht hat, daß dieses Buch erscheinen konnte. Es
ist keine einfache Lektüre, aber diese
Trauerarbeit ist notwendig,
damit das Schicksal Tausender rußlanddeutscher Frauen nicht in Vergessenheit
gerät. Wir sind ihnen unser Andenken und Anteilnahme schuldig. Eckhard Scheld / August 1997 Bemerkenswerter
Bericht des Herborner Paul Stabel in der Textsammlung „Rußlanddeutsche Frauen
in der Verbannung“ abgedruckt. Vor wenigen Monaten erschien ein Sammelband der bekannten
rußlanddeutschen Erzählerin Nelly Däs mit dem Titel „Alle Spuren sind
verweht“ mit 20 ausgewählten
Berichten über das bittere Schicksal der rußlanddeutschen Frauen. Immer wieder
wurde die renommierte Autorin in vielfältigen Gesprächen mit dem Leid der rußlanddeutschen
Frauen und Mütter konfrontiert. 1994 gab sie rußlanddeutschen Jugendlichen in
ihrem vielbeachteten Sammelband „Laßt die Jugend sprechen“, Gelegenheit,
ihre Erlebnisse und Erfahrungen aufzuzeichnen. Nun hat die Autorin
dankenswerterweise diesen Versuch fortgesetzt. In der Zeitschrift der Rußlanddeutschen
„Volk auf dem Weg“ veröffentlichte sie einen Aufruf und
bat um Lebensberichte von rußlanddeutschen Frauen. Von 76 eingegangenen
Beiträgen wählte sie 20 aus. Nicht zu Unrecht schrieb sie in ihrem Vorwort:
„Jedes Schicksal, das mir geschildert wurde, nahm ich in meinem Herzen auf.
Manche der Schilderungen bereiteten mir schlaflose Nächte.“ In einem informativen Vorwort gibt Dr. Herbert Wiens einen guten geschichtlichen Überblick rußlanddeutscher Schicksalsjahre. Er hebt besonders die 3 Wellen der Verfolgung hervor, die für die Rußlanddeutschen besonders mit der Kollektivierung der Landwirtschaft, der sogenannten Entkulakisierung, in den Jahren 1928 - 1932 beginnen. Die 2. Welle der Stalinschen Verfolgungen begann in den Jahren 1937 - 38, das Schlimmste war dann aber die Deportation nach dem deutschen Angriff auf die SU am 22. Juni 1941. Im Dekret vom 28.8.1941 wurde die zwangsweise Umsiedlung nach Sibirien angeordnet, da die Rußlanddeutschen pauschal und ungerechtfertigt als 5. Kolonne Hitlers bezeichnet wurde. Erst 1955 fiel die Überwachung durch die Kommandatura weg. Paul Stabel hat detailliert das bewegende Schicksal seiner Tante Frieda aufgeschrieben . Es ist kaum vorzustellen, was sie alles erlebt und durchgemacht hat. Im Rahmen der sogenannten Entkulakisierung wurde ihr das Haus beschlagnahmt, ihr Mann wurde von Angehörigen des NKWD (des russischen Geheimdienstes) erschossen, weil er sich geweigert hatte, als Spitzel zu arbeiten. Einschneidend war auch hier der 22. Juni 1941. Die ganze Familie wurde nun nah Mittelasien deportiert. In der Nähe von Alma-Ata fanden sie eine neue Bleibe. Der zweite Mann, zur Trudarmija gezwungen, verstarb an Muskelschwund. Sie mußte stark sein, durfte nicht klagen und bemühte sich, ihre Kinder durchzubringen. Sein Bericht geht nur bis zum Kriegsende. Er schildert aber exemplarisch den Leidensweg rußlanddeutscher Frauen in der Verbannung. Paul Stabel wurde in Kasachstan geboren , übersiedelt 1985 in den Kaukasus und lebt seit 1991 in Deutschland. Nur 2 Seiten umfaßt Andreas Predigers Bericht „Bewahre uns Gott“, aber gleichwohl stockt einem der Atem. Er schildert, wie er beim Pflügen 1955 in Burlinsk auf Menschenknochen stieß. Hier waren 1942 bei 42 Grad minus Verbannte aus der Wolgaregion auf blankem Feld ohne Winterkleidung und Nahrung ausgesetzt worden. Bis auf eine Frau, wie er später herausfand, waren alle anderen auf dem Feld verhungert und erfroren. Es ist anzuerkennen, daß
Nelly Däs nicht nur das
Leid aufzeigt, sondern auch Beispiele von Mut und Tapferkeit und Treue in, nach
menschlichem Ermessen, schier ausweglosen Situationen aufführt. So ist Lilli
Maier für das Portrait ihrer Mutter Maria Maier zu danken, die es durch ihren
festen Glauben und unbeirrtes Handeln erreichen konnte,
daß für die katholischen Gläubigen in Aktjubinsk ein Bethaus gebaut
werden konnte. Für Nelly Däs ist es eine Herzensangelegenheit, daß man um das
Leid dieser Mütter weiß. Es ist auch dem „Kulturrat der Deutschen aus Rußland“
zu danken, daß er es ermöglicht hat, daß dieses Buch erscheinen konnte. Es
ist keine einfache Lektüre, aber diese
Trauerarbeit ist notwendig, damit das Schicksal Tausender rußlanddeutscher
Frauen nicht in Vergessenheit gerät. Zu beziehen über den Kulturrat der Deutschen aus Rußland, Raitelbergstr. 49, 70188 Stuttgart oder in einigen wenigen Exemplaren über die Autorin Eckhard Scheld / August 1997 2. "Alle Spuren sind verweht" von Viktor Bukowsky Vor mir liegt ein schmales Bändchen von 254 Seiten mit ca. 20 Erzählungen, Gedichten und Zeichnungen mit dem Titel "Alle Spuren sind verweht. Rußlanddeutsche Frauen in der Verbannung". Ergreifend ist die Darstellung der Qualen, die die Frauen, getrennt von ihren Familien, in der für sie fremden Umgebung erdulden mußten. Ihr Leidensweg in die Zwangsarbeit und in die Verbannung wird in Erzählungen, Berichten, Gedichten und Bildern präsentiert. Erschütternde Szenen spielen sich ab, viele Menschen bezahlen für ihre deutsche Abstammung mit ihrer Gesundheit und ihrem Leben, doch auch Russen, Ukrainer, Polen sowie Vertreter anderer Nationen, die im Vielvölkerstaat Sowjetunion ansässig sind, werden nicht verschont und sind Opfer des politischen Terrors. Die Texte umfassen einen Zeitraum, der sich von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis in die unmittelbare Gegenwart erstreckt, von dem Erlaß der Kaiserin Katharina II, die 1764 deutsche Bauern aus dem durch Kriege mit Frankreich verwüsteten südwestlichen Teil Deutschlands einlud, sich in den dem Osmanischen Reich abgenommenen, teils menschenleeren und von Nomaden durchzogenen Gebieten an der Wolga und später am Schwarzen Meer niederzulassen und diese urbar zu machen. Das erklärt, warum große Teile der Rußlanddeutschen heute noch einen schwäbisch gefärbten Dialekt sprechen, was durch Zitate in der Textsammlung belegt wird. Bedeutende Privilegien wurden den "Kolonisten" zugesagt, die Zusagen jedoch später nicht immer eingehalten. Die Berichte zeigen schließlich das Schicksal der Überlebenden, die nach wechselvollen Widrigkeiten oft im Rahmen der Familienzusammenführung in Deutschland als ihrer alten Heimat Aufnahme gefunden haben. Dazwischen sind verschiedene Stationen beschrieben, die die rußlanddeutschen Frauen durchlaufen mußten. Der Bedarf der russischen Schwerindustrie nahm die Familienväter sehr früh in Beschlag, die Familien mit zahlreichen Kindern waren der Fürsorge der Frauen überlassen. Angesichts der großen Zahl von Berichten sollen hier nur einzelne wegen ihres exemplarischen Charakters erwähnt werden. Der Vorsitzende des Kulturrates der Deutschen aus Rußland, Dr. Herbert Wiens, gibt zu Beginn der vorliegenden Textsammlung einen Überblick über die wesentlichen Etappen in der Verfolgung, die auch fast regelmäßig in allen Lebensberichten der Rußlanddeutschen auftauchen. Es sind die Liquidationsgesetze von 1915, nach denen die Deutschen an der Westgrenze des Landes ihres Eigentums beraubt und ins Landesinnere verschickt wurden. Nach der Oktoberrevolution wurden Großbauern entschädigungslos enteignet und in die Kolchosen gepreßt. Anfang der dreißiger Jahre herrschte besonders in der Ukraine und an der Wolga eine große Hungersnot und in den Jahren 1937-1938 erfolgte eine Verhaftungswelle, in der die aus politischen Gründen mißliebige Personen umgebracht wurden. Ein entscheidendes Datum ist der 22.06.1941, der Überfall der Nazis auf die Sowjetunion. Als Folge wurden die Rußlanddeutschen enteignet, ins Innere des Landes verschleppt, dabei besonders die Frauen zur Zwangsarbeit in den Fabriken und im Wald eingesetzt. Erst nach dem Ende des 2. Weltkrieges geschah die Rehabilitierung, doch bis zur Rückkehr in die Heimat, wenn überhaupt, vergingen Jahre. 1945 wurden viele Rußlanddeutsche mit der Situation konfrontiert, daß sie sich in den westlichen Besatzungszonen befanden und nun an die Sowjets ausgeliefert wurden. Sie wurden in Viehwaggons nach Sibirien transportiert, wobei es zu zahlreichen Übergriffen und Greueltaten kam. Lucia Kaa mit Mutter und Großmutter erreichten so als ihren Arbeitsplatz ein Sägewerk am Weißen Meer. Maria Schumm berichtet über die Grausamkeiten, die ihrer Mutter widerfuhren. Sie waren auch Zeugen, wie im Herbst 1942 Juden von den Nazihäschern und deren rumänischen Verbündeten mißhandelt wurden. Zwei umfangreiche Beiträge aus der Feder von Nelly Däs haben eine Mutter zum Thema, die einerseits dagegen kämpft, daß ihre minderjährigen Söhne in die Trudarmija, den Arbeitsdienst in der Armee, eingezogen werden. Sie schließt sich mit ihren Söhnen den nomadisierenden, halbwilden Selkupen und später den Ewenken an und lernt von ihnen, in der Wildnis zu überleben. Fesselnd ist die Beschreibung des relativ freien Lebens in der Natur, in der Taiga und Tundra. Andererseits wenden sich die Nomaden selbst gegen die Kommunisten und lassen der rußlanddeutschen Familie Hilfe zukommen. Bewegend ist die Schilderung der Suche Olgas nach ihrem kränklichem Sohn, bis sie erfährt, daß er eben verstorben ist. Sie bemüht sich, einen Sarg aufzutreiben. um ihn zu beerdigen und erfährt dabei, daß er bereits unter der Erde ist, ohne daß sie davon unterrichtet wurde. Die Dokumente gehen zu Herzen, es lohnt sich, sich mit ihnen zu befassen, um sich die Ereignisse, die so vielen Einzelschicksalen die Verbannung und den Tod brachten, vor Augen zu führen und in ihnen eine Mahnung für die Zukunft zu sehen. Zusammenfassend kann gesagt werden, daß dank des Einsatzes und der Mühen von Nelly Däs nicht alle Spuren verweht sind und entsprechend dem Anliegen des Exil-Clubs gegen das Vergessen lebendig bleiben, was auch die gesammelten Lebensberichte belegen. Nelly Däs gebührt dafür unser Dank. 3. Erzieherbrief Oktober 1995 Hauptschriftleitung: OStD Ernst Korn, 82152 Krailling, Mozartstr. 2 Autor Eckhard Scheld Für ihre Bücher wurde sie (Nelly Däs) mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet: Dazu gehören der "la vache qui lit" (Der Züricher Kinderbuchpreis), die Auswahlliste für den Kinderbuchpreis und das "Buch des Monats" der JU-Bu-Crew. Mit ihren zahlreichen Büchern hat sie uns das Schicksal der Rußlanddeutschen nahegebracht, uns hellhörig gemacht für die Sorgen und Nöte dieser Menschen. ... Ihre großen Erfolg verdankt sie nicht nur ihren Büchern, sondern auch der Vielzahl von Lesungen und Vorträgen über das Schicksal der Rußlanddeutschen an Schulen, Bibliotheken, Kirchengemeinden, Altentagesstätten und beim "Bund der Vertriebenen". 4. Verschiedene Rezensionen "Wölfe und Sonnenblumen" Grundgedanken ihrer Geschichte: Gefahr und Freude, Tod und Verderben, Krieg und Frieden wohnen dicht beisammen; uns bleibt nichts anderes übrig, als und mit beiden abzufinden - mit den Wölfen und den Sonnenblumen. In dem Schlußwort, das sie ans Ende ihrer Erzählung stellt, sagt die Autorin, daß sie hoffe, ihre Kinder möchten einmal die Kraft haben, vor den Wölfen zu bestehen. Sie wünsche aber, daß es in ihrem Leben mehr Sonnenblumen als Wölfe geben möge... Jugendschriftenausschuß im Gesamtverband Niedersachsen ... Das Buch ist so wertvoll, weil es nichts übertreibt, weil es keine Schlagworte gebraucht, weil es die Menschen in ihrem guten oder bösen Wesen zeigt und nicht vereinfacht: die deutschen sind gut - die Russen sind schlecht! Was uns aus diesem Buch anspricht, ist die wahre Menschlichkeit. Richard Baumgärtner Mitteilungsblatt der Deutschen aus Bessarabien ... Die Rußlanddeutsche Nelly Däs erzählt von ihrer Kindheit. Der schlicht erzählte Bericht ist absichtlich nicht in "Literatur" umgearbeitet worden. Eben die unmittelbare, erlebnishafte Echtheit der Schilderung macht, so meinen wir, dieses Buch zu einer kleinen Kostbarkeit... Signal-Verlag Baden-Baden ... Autobiographische Kindheitserinnerungen aus den Jahren 1935-1945 in Rußland. Weniger die düsteren als die heiteren Erlebnisse werden berichtet, obwohl Vertreibung, Hunger und Kälte zu überstehen waren. Das Buch ist ohne Anklage und Pathos verfaßt und wird von jedem mit Gewinn gelesen werden... Fachstelle für das öffentliche Büchereiwesen. Der Regierungsspräsident ... Für die kleine Nelly bedeuten Vertreibung und Hunger, Kälte und Not eine Kette abenteuerliche Eindrücke und erregender kleiner Freuden. Hier gibt es keine Pathos und keinen Haß, vielmehr erweisen sich die "Sonnenblumen" als Symbol der Freude stärker als die "Wölfe". Das ungewöhnliche Kindheitszeugnis sollte in die Hände vieler Leser ab 12 Jahren an gelangen und wird auch von Erwachsener mit Freude gelesen werden. Brigitte Eyssen - Buchanzeiger für öffentliche Büchereien ... Wenn man danach fragt, welche Wirkungen von diesem Buch auch jungen Leser ausgehen können und sollen, dann wird man antworten müssen: Es gibt Situationen auf der Welt, in denen Menschen unter unwürdigen Bedingungen existieren müssen, weil Herschaftssystemen es von ihnen verlangen. Ungewollt setzt der Leser seine eigenen Lebensbedingungen dagegen und begreift, wie notwendig es ist, sich für menschenwürdigen Bedingungen einzusetzen. Hans Bödecker - Hannover Der Zug in die Freiheit Neuauflage als Doppelband in Wölfe und Sonnenblumen Eine erschütterndes und zugleich spannendes Stück Zeitgeschichte. Die Autorin schildert den Kriegswinter 1944/45, den sie als 11jähriges Mädchen erlebte: Die letzte Etappe einer fast 10 Jahre dauernden Flucht aus Rußland. Diese begann, als im Zuge stalinistischer Säuberungsaktionen die ersten Rußlanddeutschen nach Sibirien verbannt wurden, so auch Nellys Vater, er sich weigerte, als freier Bauer einer Kolchose beizutreten. In Polen soll die Familie - endlich heimgekehrt - ins groß deutsche Reich integriert werden. Doch der Fortgang des Krieges bringt neue Gefahren und Entbehrungen. Die Mutter wird mit Angehörigen ins Altreich abtransportiert, währen Nelly ihr Leben in einem Mädchenlager bleiben mußte. Da bricht der deutsche Widerstand zusammen, und nur im letzten Moment gelingt es Nelly vor den heranrückenden Russen aus Polen zu fliehen. Gerade in den letzten unbarmherzigen Kapiteln offenbart sich die Stärke des Buches: Menschliches Leid wird weder reißerisch noch sentimental dargestellt, sondern vor dem Hintergrund eines absurden politischen Geschehens; dabei wird der Grundton des Buches nicht verbittert, sonder bleibt optimistisch. Die historische und menschliche Dimension zusammen ergeben eine Aktualität, die so brennend ist wie damals. Zeitung: Wir Eltern - Schweiz 1976 ... Am Ende des Zweiten Weltkrieges, im Winter 1944/45 zogen endlose Trecks von Ost nach West über die Landstraßen. Seit Stalingrad war die Rote Armee auf dem Vormarsch, die Niederlage Hitlers besiegelt. In einem solchen Treck, der von Polen gen Westen zog, befand sich auch die 15-jährige Nelly, getrennt von ihrer Familie, an der Seite eines alten Bauern. Für Nelly war das nicht die erste Erfahrung, einer ungewissen Zukunft ausgeliefert zu sein. Der lange Marsch über die Landstraßen, das Umherziehen von Ort zu Ort war ihr vertraut, und zwar zu einer Zeit, als man sich zum Beispiel in Deutschland davon noch gar keine Vorstellung machen konnte. . Die Autorin Nelly Däs hat in diesem Buch eigene Erlebnisse aufgearbeitet, das Buch ist voller Bilder und Eindrücke, wie ein junger Mensch Geschichte er- und durchlebt. ... Ausschnitt aus: RIAS-Berlin, Kinderfunk Wer "Wölfe und Sonnenblumen", das erste 1969 im Signal-Verlag erschienenen Erinnerungsbuch der gleichen Autorin kennt, wird feststellen, daß die Darstellung glatter geworden ist, stärker zugeschnitten auf den Jugendlichen Leser. Doch schränkt dieser Vergleich eine Empfehlung nicht ein; den es bleibt ein Stück Zeitgeschichte, gesehen mit den Augen eines vierzehnjährigen Mädchens, überzeugend in der persönlichen Aussage und vor allem in der Darstellung zwischenmenschlicher Beziehungen. Süddeutsche Zeitung München ... Zeitgeschichte, die wir fast vergessen haben und die Kinder von heute kaum kennen; wird hier wieder lebendig. Wie sollen Kinder ein Verhältnis zur Geschichte haben, wenn ihnen die jüngste Vergangenheit, aus welchen Gründen auch immer, verschwiegen oder vorenthalten wird. Dr. Ingeborg Ramseger - Münchner Merkur |