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Rußlanddeutsche Pioniere im Urwald
Zum Buch selbst: Der Held ist Robert oder Roberto - je nachdem - er verliebt sich in eine Schwarze. Die Oma muß entsetzt die schwarzen Babys ihres Roberts zur Kenntnis nehmen. Außerdem will Roberto leben! Eine brisante Mischung: "schwarze Frau" und "fauler weißer Mann"! Es lohnt sich, dieses Buch zu lesen! Wer etwas über die Mennoniten in Brasilien erfahren möchte, kann das unter e-mail: amb@convoy.com.br Nelly Däs, Rußlanddeutsche Pioniere im Urwald, Fazenda hinter der Serra, Osmipress GmbH, 240 Seiten, Bonn 1993, ISBN 3-929873-001 Nelly Däs ist eine bekannte Jugendbuchautorin. Mit ihren autobiographischen Romanen "Wölfe und Sonnenblumen" sowie "Der Zug in die Freiheit" trug sie erheblich zum Verständnis der uns bis dahin weitgehend unbekannten Welt der Rußlanddeutschen bei. Mit weiteren Bänden wie "Schicksalsjahre in Sibirien" und ihrem Jugendbuchklassiker "Mit Timofej durch die Taiga" wurde Sie die Chronistin der Rußlanddeutschen. Ihr 1988 veröffentlichter, von der Kritik stark beachtete, Roman "Das Mädchen vom Fährhaus" wurde gerade vom ZDF verfilmt. Nun hat der Verlag OSMIPRESS in Bonn den neuen Roman der Autorin veröffentlicht, der viele Überraschungen birgt. Nelly Däs hat einen präzise recherchierten Entwicklungsroman von 240 Seiten vorgelegt, der sich an ein erwachsenes Publikum wendet und hauptsächlich in den Jahren 1926 - 1945 in Brasilien spielt. Der Autorin ist ein farbiger Roman gelungen, der uns mit diesem fremden Land vertraut macht und faszinierende Einblicke in Siedlerschicksale gibt. Der Roman ist breiter angelegt als ihre Jugendbücher und entfaltet seine volle Dramatik erst im 2. und 3. Teil des Buches. Durch Vorwegverweisungen, die sich bei sorgfältigem Lesen erschließen, kündigt die Autorin schon Veränderungen an, ohne mit einem atemlosen Furioso wie in ihrem letzten Roman "Aljoscha - ein Junge aus Krivoj Rog" zu beginnen. Christian Eckstein hatte sich den Anfang in Brasilien nicht so schwer vorgestellt, als er 1926 mit seiner Familie Deutschland verließ, um sich auf der Fazenda, dem Gutshof des Patron Alfredo Cortez in der Gegend von Josaba, etwa 200 km von der deutschen Siedlung Blumenau entfernt, eine neue Existenz aufzubauen. Die rußlanddeutsche Fam. Eckstein war 1918 aus Rußland geflohen und hatte mit knapper Not ihr Leben retten können. Eva, Christians Frau, war die Tochter eines deutschen Gutsbesitzers aus dem Dongebiet. Nach der Revolution wurden ihre Eltern, die sich nicht zur Flucht entscheiden konnten, von Machnos Mordgesellen mit der Machete zerhackt. Christian Eckstein hatte nach der Flucht 8 Jahre in der Nähe von Frankfurt / Oder auf einem Gut gearbeitet, war dann durch Zufall auf ein Angebot gestoßen, auf einer Kaffeeplantage die Überfahrt abzuarbeiten und glaubte in Brasilien wieder schnell eigenen Grund und Boden erwerben zu können. Erste Gespräche nach ihrer Ankunft in Brasilien rissen die Fam. aus ihren Träumen und machten sie auf das Andersartige, Unberechenbare dieses Landes aufmerksam: "Wir haben oft große Seca, das sind Dürreperioden. Da trocknen sogar Flüsse und Bäche aus. Während der Regenzeit steigen Flüsse und Bäche über die Ufer und überschwemmen weite Landstriche. Diese Überschwemmungen schaffen auch die Vàrazea. Das ist eine Aue oder Sumpfgebiet, und dort halten sich die Jararacas auf. Vor denen müßt ihr Euch in acht nehmen, das sind sehr giftige Schlangen" (S. 23). All' diese angekündigten Gefahren sollten zu Genüge auftreten. Zusammen mit der Fam. Plattner aus Österreich, die sie auf dem Auswandererschiff kennengelernt hatten, ging ihre Fahrt mit einem Ochsenkarren durch den unheimlichen Urwald zur Fazenda Don Robertos. Nach der langen und beschwerlichen Fahrt erschraken sie, als die armseligen Hütten sahen, in denen sie untergebracht wurden, um als Erntehelfer tätig zu sein. Verwundert zeigten sie sich auch über das distanzierte Verhalten den Schwarzen gegenüber. 4 Kinder der Fam. Plattner starben in den ersten Wochen an einer Darmgrippe, gegen die es keine Mittel gab. Es sollte Jahre dauern, bis sich die Verhältnisse besserten, ein erträgliches Auskommen möglich war. Einen Durchbruch gab es aber erst, als es Christian gelang, die benachbarte Fazenda von Don Bernardo de Silva zu übernehmen, der aus Krankheitsgründen, die Fazenda nicht mehr weiterführen konnte und hilflos ihrem Verfall zuschauen mußte. Liebevoll entwickelt Nelly Däs auch das Schicksal der Kinder der Fam. Eckstein. Da ist z.B. der Romeo Roberto, der seinen eigenen Weg gehen will, sich den Eltern entfremdet, als Tierfänger ins Amazonasgebiet geht und schließlich eine Schwarze heiratet, die ihn noch weiter ins Elend reißt, bis er schließlich seinem Leben durch einen Pistolenschuß ein Ende setzt. Da ist der bedächtige Albert, der schließlich die Halbindianerin Maria heiratet, sein Leben meistert und die Tochter Eugenie, die die Fazenda verläßt und nach Josaba zieht. Genauso sorgfältig sind die Frauenfiguren des Romans gestaltet, die von der reservierten Dona Maria über die heißblütige Renata bis zur raffinierten Jadwina reichen. Immer wieder gelingen der Autorin erzählerische Glanzstücke, wenn sie den Leser an einer Heiratsfazenda teilnehmen läßt, wenn sie von einer Schlangenjagd in einem ausgetrockneten Termitenhügel berichtet oder ihn über unbekannte Tiere wie Shurasko und Tukotuko informiert. Eines Tages erfährt Christian, daß eine Tagesreise von seiner Fazenda entfernt, eine Gruppe von Mennoniten, die im Winter 1929 über den Amur aus Rußland geflohen war, lebte und sich eine kleine Siedlung aufgebaut hatte. Die Berichte dieser Menschen, insbesondere von ihrem Leiter Peter Pauls, sen. und die eingeschobenen Rückblenden und Briefe des Bruders Johann über die grausamen Verfolgungen und Greuel im kommunistischen Rußland lassen einem schier das Blut in den Adern gefrieren. Die Autorin spart auch die Tatsache der Internierung der Deutschen in Brasilien nach der Kriegserklärung Brasiliens in 1943 nicht aus. Dank der Unterstützung durch brasilianische Freunde ließ sich diese Zeit aber ertragen. Ein Höhepunkt des Romans ist das letzte Kapitel "Dem Inferno entkommen". In einem Brief aus Deutschland vom August 1945, der über einen amerikanischen Soldaten weitergeleitet war, informierte Johann Eckstein seinen Bruder Christian mit seiner Familie über das bittere Schicksal seiner Familie und seine glückliche Rettung. Er war in Rußland geblieben, kam mit dem großen Treck der Rußlanddeutschen nach Württemberg und konnte sich schließlich zu seiner Tochter Emma durchschlagen, die mit Ihren Kindern Harry, Nelly und Johann in der Nähe von Stuttgart lebte. Damit endet dieses Buch, das wiederum einen realen Kern hat, da Nelly Däs in diesem Buch die Geschichte ihres Onkels Christian Eckstein beschreibt, der seinen Bruder Johann, ihren Großvater, nicht mehr wiedersehen sollte. 1980 reiste Nelly Däs nach Brasilien und ging auf Spurensuche. Hier war es insbesondere Eugenie Assmann, ihre Tante, die ihr viele Anregungen und Informationen geben konnten. Entstanden ist aber viel mehr: Die Autorin, die bislang vor allem mit Jugendromanen hervorgetreten war, erzählt hier eine pralle Familiengeschichte, die über den rußlanddeutschen Rahmen hinaus, einfühlsam über harte Siedlerjahre in diesem südamerikanischen Land berichtet, das für viele deutsche Siedler zur Heimat wurde und gleichwohl ein herrliches Lesevergnügen bietet. Eckhard Scheld / 23.1.1994 |