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Geschichte der Deutschen aus Rußland aus dem Vorwort zu "Schicksalsjahre in Sibirien" von Peter Nasarski Die Einwanderung der Deutschen in das Zarenreich begann - was oft vergessen wird - bereits in der Zeit Iwans des Schrecklichen. Sie setzt sich unter Peter dem Großen und Katharina II. fort, deren Anwerbung Zehntausender von Hessen und Rheinländern, Schwaben und Pfälzer, Württemberger und Elsässer das Entstehen zahlreicher deutscher Kolonien an der Wolga, im Schwarzmeergebiet und im Kaukasus zur Folge hatte. Die große Mehrzahl der Rußlanddeutschen bestand bis zum 1. Weltkrieg aus Bauern. Von ihnen wurden unkultivierte, weite Steppengebiete unter den Pflug genommen. Schon bald reichte bei der starken Bevölkerungszunahme der den Einwanderern bei der Ansiedlung zugeteilte Boden nicht mehr aus. Immer neues Land wurde angekauft und bewirtschaftet. Entsprechend groß war der deutsche Landbesitz. Verfügten die Schwarzmeerdeutschen anfangs über etwa 650 000 ha Land, so waren es um 1910 rund 5 Mio. ha. Der Grundbesitz der Wolgadeutschen stieg von 460 000 ha auf etwa 2,5 Mio. ha an. Rechnet man den deutschen Grund und Boden in Wolhynien, im Baltikum, im Norden Rußlands und in Sibirien dazu, so ergab sich ein Landbesitz von mehr als 13 Million ha. Noch vor hundert Jahren verfügten die Rußlanddeutschen über ein ausgedehntes Kirchen-, Schul- und Selbstverwaltungssystem. Es gab unter ihnen so gut wie keine Analphabeten (beim Staatsvolk betrug das Analphabetentum 74 %), die Unterrichtssprache in den Schulen war Deutsch. Nachdem die Deutschen mit ihren Nachbarn in der Anfangszeit der Einwanderung meist sehr gut zusammengelebt hatten, verschob sich das Bild mit der immer stärker einsetzenden Russifizierungspolitik. Die bei der Ansiedlung gewährten Privilegien wurden nach und nach aufgehoben; die Schulen wurden seit 1871 in immer stärkerem Maße russifiziert, die Kolonistensöhne mußten Militärdienst leisten, die deutschen Dorfnamen wurden mit wenigen Ausnahmen durch russische ersetzt. Die antideutschen Maßnahmen erreichten im 1. Weltkrieg erschreckende Ausmaße. Eine Reihe Verordnungen zielte 1915 auf die völlige Entdeutschung und Enteignung vor allem der Schwarzmeer- und Wolhyniendeutschen ab; Zehntausende von Wolhyniendeutsche wurden nach Sibirien umgesiedelt; nur dem Ausbruch der Revolution von 1917 war es zu danken, daß die Deutschen in anderen Landesteilen von der Verbannung verschont blieben. Nach dem Zusammenbruch Rußlands 1917 verkündeten die Bolschewiken für alle Völker Rußlands zunächst feierlich die Gleichberechtigung und die Beseitigung aller nationalen Beschränkungen. Jetzt kamen auf Kongressen in Moskau, Odessa, Tiflis, Saratow und Slawgorod Tausende von Vertretern des Rußlanddeutschtums zusammen, um für die Wiederherstellung ihrer Rechte auf wirtschaftlichem, kulturellem und kirchlichem Gebiet einzutreten. Lehrervereinigungen, Schul- und Jugendvereine wurden gegründet, deutsche Zeitungen ins Leben gerufen. Doch diese Aufbauperiode war nur von kurzer Dauer. Die Revolution schlug neue Wellen, der Bürgerkrieg tobte; Städte und Dörfer gingen in Flammen auf. Der Bürgerkrieg hinterließ im Land tiefe Wunden, weite Ländereien blieben unbebaut. Dazu kam die Mißernte 1921/22. Rußland erlebte eine noch nie dagewesene Notzeit. Jahre der Unruhe und des Hungers hatte es auch schon früher gegeben. Die Deutschen aber waren für solche Zeiten gerüstet; man hatte Vorratshäuser eingerichtet, auf die bei Mißernten zurückgegriffen werden konnte. Niemals waren in den vorangegangenen eineinhalb Jahrhunderten Menschen in rußlanddeutschen Dörfern verhungert. .. Um der Not Herr zu werden, führte Lenin 1923 das NEP-System (Neue ökonomische Politik) ein: Den Kolchosbauern wurde wieder ein gewisses Eigentumsrecht zugestanden. Auch auf kirchlichem Gebiet und im Schulwesen gab es Erleichterungen. Noch einmal schien das geistige Leben aufzublühen. Doch schon der erste Fünfjahresplan Stalins im Jahre 1928 brachte einen harten Einschnitt. Mit äußerstem Druck zwang man jetzt die Bauern in die Kolchosen. Wohlhabendere Landwirte wurden aus ihren Heimatdörfern vertrieben, viele wurden in Zwangsarbeitslager verbannt. Besonders schwer wurden die deutschen Bauern von diesen Maßnahmen betroffen, da sie als "Kulaken" galten. Dazu kam 1932/33 eine zweite große Hungersnot - diesmal nicht durch eine Mißernte bedingt, sondern dadurch, daß man den Bauern ihre Getreidevorräte wegnahm, um sie ins Kollektiv zu zwingen. Eine neue Verhaftungswelle durchzog 1936 bis 1938 die deutschen Siedlungen. Zahllose Geistliche, Lehrer, Ärzte und Beamte wurden verhaftet und in Zwangslager abtransportiert. Bald amtierten weit und breit keine deutschen Pfarrer mehr, die Kirchen wurden in Klubs, Kinos und in Getreidelager umgewandelt. Hatte schon der 1. Weltkrieg für die Rußlanddeutschen Nöte und Verfolgungen früher unbekannten Ausmaßes mit sich gebracht, so bedeuteten die Jahre des 2. Weltkrieges die nahezu totale Auflösung vieler einst blühender Dörfer und Siedlungen. Diese Jahre schildert Nelly Däs aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen und Erinnerungen. |