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Frauen greifen zur Feder Aus dem Buch: „Literarische Vielfalt in Ostwürttemberg: Frauen greifen zur Feder II“ ISBN 978-3-936373-45-5 Volker Wieland Birgit Markert über: „Nelly Däs“ S. 14 bis 23 Schreibend Vergangenheit bewältigen und Geschichte aufarbeiten
Der Besuch bei der 79jährigen Schriftstellerin Nelly Däs in ihrem Haus in Waiblingen fällt in den September. Seit einigen Tagen ist es herbstlich kalt. Kaum ist der Besucher zur Tür herein gekommen, berichtet sie davon, wie sie in der Ukraine als Kinder im September barfuß in die Schule laufen mussten. Auch wenn sie sich beeilten, seien die Füße blau angelaufen gewesen, als sie das Schulhaus erreichten. Die Geschichte ihrer Kindheit und Jugend ist bei Nelly Däs allgegenwärtig. Zu viel und aus heutiger Sicht Unglaubliches hat die russlanddeutsche Frau erlebt: Die meiste Zeit ihrer Kindheit war sie auf der Flucht vor den Kommunisten. Erlebnisse, die sie nicht vergessen konnte und die sie im Schlaf oft heimholten. Gegen dieses Trauma gab es für Nelly Däs nur eine Abhilfe: Reden, reden, reden. Das immer wieder Erzählte hielt sie schließlich auf Papier fest - »ich war von meinen bösen Träumen befreit«1. Nicht nur das, einigen ihrer Bücher war großer Erfolg beschert, und sie schlug ein Kapitel der Geschichte auf, das in Deutschland nur zögerlich thematisiert wurde. Kindheit unter falschen Vorzeichen Nellys2 Vorfahren waren im 19. Jahrhundert aus dem Dorf Friedrichsfeld bei Heidelberg in den Osten ausgewandert. Im ukrainischen Schwarzmeergebiet, in Friedental bei Saporoschje, siedelte sich die Familie 1811 an und baute sich eine neue Existenz auf. 107 Hektar nannte der Vater zu Beginn des 20. Jahrhunderts sein eigen, dazu kamen 40 gepachtete Hektar. Mit der russischen Revolution 1917 änderten sich die Vorzeichen: Ein Bauernhof mit ukrainischem Dienstpersonal passte nicht in das Bild einer klassenlosen Gesellschaft. »Im Zuge der allgemeinen Kollektivierung im Jahre 1929 wurde den Deutschen in der Ukraine das Land abgenommen.«3 Als „Knecht“ in einer Kolchose zu arbeiten, kam für den Vater nicht in Frage - die Verbannung nach Sibirien drohte. Nachdem die ersten Russlanddeutschen den stalinistischen Säuberungsaktionen zum Opfer fielen, entschloss sich die Familie 1935 zur Flucht. Für die fünfjährige Nelly sollten es zehn abenteuerliche und zum Schluss immer bedrohlichere Jahre werden, bis sie schließlich im Februar 1945 in Birkenlohe bei Schwäbisch Gmünd eintraf. Die Gefahr, den Russen in die Hände zu fallen, war auch in der amerikanischen Besatzungszone noch nicht gebannt. Im Gmünder „Josefle“ erlebte die junge Frau, wie russische Offiziere in den Nachkriegsmonaten Russlanddeutsche zur Repatriierung zwangen. In „Wie war das damals mit Deutschland“ schildert sie die Angst, die die erneute Verfolgung in der jungen Frau auslöste.4 »Es fehlte uns an allem«5 Fünf Jahre alt war Nelly, als ihre Familie Hab und Gut zurück ließ und mit einem Pferdegespann bei Nacht und Nebel ihren Hof verließ. Die Zeichen hatten sich verdichtet, dass die Familie nach Sibirien umgesiedelt werden sollte - Sibirien, für Russlanddeutsche das »schrecklichste Wort«6. »Wer nach Sibirien verbannt wurde, war so gut wie tot.«7 In ihrem ersten Buch Wölfe und Sonnenblumen beschreibt sie die ersten Jahre ihrer Flucht, die sie zu einem heimatlosen kleinen Mädchen machen.8 Trotz ihrer verzweifelten Situation wurde der fünfköpfigen Familie gerade auch von russischer Seite viel Hilfe und Mitmenschlichkeit zuteil.9 Im Herbst 1937 war es dann doch soweit: Milizen griffen den Vater auf der Flucht auf. Der Kaufvertrag ihres Hauses, Trauscheine und Geburtsurkunden der Kinder waren neben einem Schlachtmesser genug Beweise, es mit Kapitalisten und Faschisten zu tun zu haben. Der Vater kehrte aus Sibirien nicht mehr zurück. Nun musste sich die Mutter Emma alleine durchschlagen. An vielen Orten reichte der karge Verdienst gerade, eine Person zu ernähren. Die Kinder halfen mit, so gut es ging. Irgendwie schaffte es die tapfere Frau, trotz großer Entbehrungen und Gefahren die Kinder in diesen schweren Zeiten durchzubringen und zu beschützen. „Wölfe und Sonnenblumen“ ist die Geschichte ihrer Kindheit, doch nicht weniger ist der Erstling ein Loblied auf die Mutter.10 Ende 1939 zieht die Mutter mit ihren drei Kindern nach Andrenburg, dem Geburtsort der Mutter, wo noch viele Verwandte lebten. »Es wurde ein wunderschöner Sommer für uns.«11 Nelly und ihren beiden Brüder Johann und Harry werden noch einmal alle Kinderfreuden zuteil: Neben der Mithilfe auf dem Feld bleibt Zeit für Abenteuer und manchen Streich. Für kurze Zeit stellt sich so etwas wie Normalität ein. Das Leben in dem deutschen Dorf in der Ukraine wird im Rückblick zur heilen Welt. »Wenn die Sonnenblumen geschnitten wurden, war es sehr schön in Andrenburg ... Abends saßen alle beisammen und klopften die Kerne aus den Sonnenrosen. Das gefiel mir besonders gut, denn dabei wurden immer deutsche Volkslieder gesungen: Am Brunnen vor dem Tore, Schön ist die Jugend, Im schönsten Wiesengrunde und manches andere Lied. Ich wollte sie unbedingt alle lernen, denn ich sang gern, wenn ich allein war. Solche singenden Gruppen gab es auch beim Maisschälen. Die Männer schleppten für die Frauen die schweren Körbe heran, und Scherzworte flogen hin und her.«12 Die Zeit der Sonnenblumen neigt sich dem Ende zu. Bislang war der Krieg weit weg, kaum etwas drang bis zu dem Dorf der Russlanddeutschen vor. Das änderte sich schlagartig, als Deutschland 1941 auch Russland den Krieg erklärte. Für die Mutter war dies zwar ein Hoffnungsschimmer, dem Kommunismus entkommen zu können. Doch der Flüchtlingsstrom von Juden, die erzählten, »die Deutschen erschössen sie alle, wohin sie auch kämen«, sorgte für Bestürzung.13 Die Deutschen kamen. Was für die Russlanddeutschen wie eine Befreiung war, sollte doch nur kurze Zeit für Selbstständigkeit sorgen. Im September 1943 begann für Nelly eine erneute Flucht - die Russen eroberten die von den Deutschen besetzten Gebiete zurück. Wieder macht sich ein Treck auf den Weg, wieder setzt den Flüchtlingen Hunger und Kälte zu. Ende Februar 1944 landeten sie in einem nur vermeintlich sicheren Hafen, dem Warthegau. Die Welt gerät völlig aus den Fugen »Wir, das waren meine Mutter und ich, der Rest der Familie Schmidt. Vater war nach Sibirien verschleppt worden, mein Bruder Johann auf dem langen Treck verloren gegangen, und Harry, mein ältester Bruder, der sich nicht von unseren Pferden hatte trennen können, war deshalb noch immer auf dem großen Treck.« So beginnt Nelly Das' zweites Werk Der Zug in die Freiheit, der folgende Teil ihrer Kindheits- und Jugenderinnerungen. Die Restfamilie war nach neun unsteten und Ungewissen Jahren in Wronke, einer kleinen Stadt im Warthegau, angekommen. Warthegau, so hieß ein 1939 nach der Besetzung Polens errichteter Reichsgau, der für SS und NSDAP zum Experimentierfeld für die nationalsozialistische Volkstumspolitik wurde. Von einem Mann „in Uniform mit vielen Abzeichen und einer hohen, steifen Mütze“14 wurden die Ankömmlinge in ihrer „Urheimat“ begrüßt. Nellys Mutter flüstert ihrer Verwandten Christliebe lakonisch zu: „Aber das ist doch Polen. Das soll unsere Urheimat sein? Ich glaube, der ist nie zur Schule gegangen!“ Ihre hohe Meinung von der Regierung in Deutschland schwand dahin, denn sie fühlte das Unrecht, das überall begangen wurde.“15 Für Nelly ist der Aufenthalt in Wronke wieder nur ein kurzer: Im April 1944 wird sie in ein Landjahrlager in ein Schloss nach Steffanshofen bei Posen „verschickt“. Neben dem fehlenden Schulstoff - Nelly hat aufgrund der Zeitwirren nur viereinhalb Schulklassen absolviert, davon drei in russischer Sprache16 - sollte sie dort Nähen, Gartenarbeit und Kochen lernen. Auch die Körperertüchtigung kam nicht zu kurz. »Man war in Deutschland der Meinung, wir seien ohne „Kultur“ aufgewachsen und hier müsse man uns „Kultur“ beibringen.«17 Dass diese deutsche Kultur viel mit den Sekundärtugenden Zucht und Ordnung zu tun hatte, wurde schnell klar. Trotz des großen Heimwehs nach der Mutter bezeichnet Nelly Däs diese Monate als die schönste Zeit ihrer Jugend. »Da mir alle diese Arbeiten große Freude machten, gefiel es mir im Landjahrlager immer besser. Der Krieg war sehr weit weg. Es war still ums Schloss. Wir hörten kein Radio, lasen keine Zeitung. Wo die Front stand oder was da geschah, wussten wir nicht. Wir waren so abgeschirmt, als lebten wir im tiefsten Frieden.«18 »Mehr als ein junges Mädchen ertragen kann«19 Manche Nachrichten, dass Brüder und Väter an der Front starben, drangen dennoch bis zu den rund 40 Mädchen mitsamt ihren Führerinnen vor. Dass Deutschland Niederlage um Niederlage einstrich, dagegen nicht. Die Mutter ist bereits in Deutschland. Nelly bleibt, dem Willen der Parteitreuen, die den Untergang nicht wahrhaben wollten, im Schloss. Um so schwieriger wird es später für die vom Führer verführten Jugendlichen vor den herannahenden, in ihrer Trunkenheit vor nichts zurückschreckenden Russen zu fliehen. Am 20. Januar 1945 wird es auch für die Landjahr-Bezirksführerin zu brenzlig. Aus Posen kommt der Befehl »zur Flucht bereit machen«20. Die wievielte Flucht dies ist, zählt die just 15 Jahre alt Gewordene längst nicht mehr. Dass es die Schwerste werden sollte, kann sie vielleicht ahnen: 40 Kilometer Fußmarsch bei 22 Grad unter Null stehen ihnen bevor. »Ich war noch ein Kind und tausend andere waren es auch. Bloß durften wir nicht Kinder sein. Erbarmungslos trieben uns die Russen und die Braunhemden in die entsetzlich kalte Winternacht und auf die vereisten Straßen ... Das war die grausamste Nacht, die ich je erlebt hatte. Es spielten sich furchtbare Szenen ab. Viele alte Leute und Kinder starben in dieser Nacht. Bemerkten es die Angehörigen, dann schrien sie ihren Schmerz laut in die Nacht hinaus, oder sie versuchten, sich das Leben zu nehmen.«21 Nelly kommt nach einer weiteren Flucht und nach Hunger bis zur Besinnungslosigkeit am 2. Februar 1945, dem Geburtstag der Mutter, in Schwäbisch Gmünd an, »eine Stadt, in die ich mich sofort verliebte«22. Sie begann eine Lehre als Herrenschneiderin bei der Firma Otto Zapp. Die Zeit der Flucht und Vertreibung lag nun hinter ihr. In ihren Träumen verfolgte sie sie weiter. Mit zehn DIN A4-Heften fing alles an Nelly Das hatte einen doppelten Impetus zu schreiben: Es war Vergangenheitsbewältigung und Aufarbeitung. »Ich wollte den Menschen sagen, wer wir Russlanddeutschen sind«23, »dass die Kommunisten uns 1929 enteignet und Bettler aus uns gemacht haben«24. Mit zehn DIN A4 Heften fing 1966 alles an. Der Schriftführer der Landsmannschaft, Dr. Karl Stumpp, ermunterte sie, ihre exemplarische Geschichte festzuhalten. Das erzählerische Talent brachte die »Märchentante vom Dienst« mit. Sie erinnert sich in ihren autobiographischen Schriften stets als mit einer großen Fantasie begabtes Kind: »Ich brauchte nicht lange zu überlegen, die Geschichten entstanden einfach so in meinem Kopf.«26 Der Jugendbuch-Autor und Lektor Hans-Georg Noack wurde auf die Hefte aufmerksam und ließ den ersten Teil ihrer Biografie Wölfe und Sonnenblumen 1969 im Signal-Verlag erscheinen. Eine Auflage von 5000 Exemplaren war innerhalb eines halben Jahres vergriffen. Zehn Jahre später erschienen dieser und der zweite Teil Der Zug in die Freiheit beim renommierten Oetinger Verlag. Für Nelly Däs blieben beide Werke, die sie zu ihrem 70. Geburtstag im Jahr 2000 als Doppelband im Selbstverlag drucken ließ, die wichtigsten. Mit weiteren Büchern und vielen Lesungen geht es weiter Als Lieblingsbuch bezeichnet Nelly Däs ihr drittes Buch »Mit Timofej durch die Taiga.«27 Es erschien ebenfalls bei Oetinger und erreichte als dtv Taschenbuch eine Auflage von über 50 000 Exemplaren. Viele weitere Werke folgten, die stets das Schicksal der Russlanddeutschen in farbigen und spannenden Bildern ausmalen, wie etwa Russlanddeutsche Pioniere im Urwald. Russlanddeutschen Spätaussiedlern erteilt sie 1994 in Lasst die Jugend sprechen eine Stimme. 1988 folgt im Georg-Bitter-Verlag Das Mädchen vom Fährhaus, das von Karin Brandauer und, nach deren Tod, von Regisseur Thorsten Näter als Zweiteiler für das ZDF verfilmt wurde und große Beachtung fand. Gut ein Dutzend Bücher veröffentlichte Nelly Däs, ihre letzten im Selbstverlag. Ein neues Genre liegt noch in der Schublade: Mit Mord im Morgengrauen wendete sie sich erstmalig von ihrem großen Thema ab und schrieb einen Krimi. In den 70er und 80er Jahren erhielt sie mehrere Preise, darunter den Züricher Kinderbuchpreis >La vache qui lit<, und ihre Bücher standen auf der Auswahlliste >Deutscher Jugendbuchpreis<. Beim Schreiben im stillen Kämmerlein blieb es nicht. Auf rund 2000 Lesungen, die sie über das Goethe-Institut bis nach Kiew führten, blickt die engagierte Schriftstellerin zurück. Eckhard Scheld lobt sie als »ausgezeichnete Erzählerin, die sich sachkundig auf das jeweilige Publikum einstellt und die Zuhörer in ihren Bann schlägt«28. Lesungen und Veranstaltungen an Schulen wurden von dem Verein „Literatur und Schule“ bezuschusst.
Ihr Leben und ihre Auszeichnungen In Birkenlohe lernt Nelly ihren späteren Mann Walter Däs kennen, den Sohn des Gastwirts vom „Lamm“. 1950 verloben sie sich und ziehen nach Stuttgart. Mit dem Wirtschaftsaufschwung geht es auch für die junge Familie bergauf, 1954 bauen sie ein Haus in Waiblingen. Überschattet wird das junge Glück durch den Verlust von vier Kindern, die das Ehepaar im Säuglingsalter verliert. Erst später stellten die Ärzte fest, dass Nelly Däs rhesusnegativ ist. Zwei Kinder blieben ihnen. Der schwerste Schicksalsschlag folgte 1988 - Sohn Harald starb mit 31 Jahren an einem Gehirntumor. Nelly Däs engagiert sich nicht nur schreibend für die Russlanddeutschen. Seit 1961 ist sie Mitglied der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland. 1982 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz am Bande und die Goldene Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg und sie ist Kulturpreisträgerin für Literatur des Landes Baden-Württemberg. Bis heute ist ihr Schaffensdrang ungebrochen. Anmerkungen
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