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Emilie - Herrin von Christiansfeld
„ Emilie, Herrin auf Christiansfeld" ist im Tebbert Verlag, 48324 Sendenhorst, erschienen, in Leinen gebunden und 305 Seiten stark. Es kann in jeder Buchhandlung unter der ISBN-Nummer 3-89738-269-5 zum Preis von 16,90 € erworben werden.Für dieses Buch habe ich schon 1974 die ersten Recherchen bei der Tochter von Emilie, Ottilie Ebert, geborene Neugebauer gemacht. Sie lebte 18 Jahre in meinem Haus. Emilie, die Herrin auf Christiansfeld war die Schwester meines Großvaters Johann Eckstein. Schon als ich noch ein 6-jähriges Kind war, erzählte mir meine Mutter von ihrer Tante Emilie, die einen Gutsbesitzer heiraten musste, den Mann ihrer verstorbenen Kusine Mathilde. So wie es in der Ukraine damals Sitte war. Ihre Kusine hinterließ zwei Kinder. Um ihnen eine fremde Stiefmutter zu ersparen, sprangen unverheiratete Schwestern oder eben Kusinen ein. Ich wollte mit diesem Buch auch von der Lebensweise der Deutschen in Rußland vor dem ersten Weltkrieg berichten. Die deutschen Kolonisten, wie man sie damals nannte, waren damals größtenteils wohlhabende Bauern und angesehene Bürger Russlands, beziehungsweise der Ukraine. Der erste Weltkrieg brachte für die deutschen Kolonisten große Einschnitte in ihrem Leben. Die Bolschewiken setzten sich gegen den Zaren durch. Der Zar dankte ab und das Land versank im Chaos. So wie es in Sibirien Rastelnikow gab, (in Dr. Schiwago genau beschrieben), so gab es einen Banditen namens Machno in der Ukraine. Machno zog mit einer Horde von Verbrechern durch die deutschen Kolonistendörfern der Ukraine und verbreitete Angst und Schrecken unter der Bevölkerung, er brandschatzte, raubte und vergewaltigte. Nach dem Bürgerkrieg kam eine kurze Verschnaufpause für die Kolonisten. Dann, 1929 setzte die Enteignung der Ländereien und die Verbannung der Großbauern nach Sibirien ein. Über die Vorkriegszeit und über das Leben auf dem Lande wird in diesem Buch vom Gutsbesitzer Gottlieb Neugebauer und seiner Familie berichtet. Was sie erleben mußten, erlebten tausendfach auch anderen deutsche Bauern, aber auch Pfarrer, Lehrer, Ärzte, Ingenieure, Fabrikbesitzer und Künstler. Meine Hauptanliegen war es auch, endlich mit dem Vorurteil aufzuräumen, daß alle Rußlanddeutschen Bettler waren. Unsere Vorfahren waren Pioniere in Rußland und haben dort die weiten Steppen zu fruchtbarem Boden gemacht, zur Kornkammer Rußlands. Dass die Sowjets nicht in der Lage waren, diese fruchtbare Böden weiter fruchtbar zu erhalten und es zu großen Hungersnöten kam, war nicht die Schuld der Rußlanddeutschen. Heute kommen die Deutschen aus Rußland als ungeliebte Aussiedler zu uns. Dabei wird total vergessen, daß diese Menschen unsere ehemaligen Schwestern und Brüder sind, die 1763 aus den deutschen Ländern ausgewandert waren. Dieses Buch soll uns näher zu unseren Neubürgern, den Aussiedlern, bringen. Eine Frage brennt mir dabei schon lange auf der Seele. Wie lange ist man eigentlich Aussiedler? Ich bin seit 1944 in Deutschland und werde immer noch als Aussiedlerin bezeichnet. Das finde ich nicht richtig. Da brauchen sich die Bundesbürger nicht zu wundern, wenn die Aussiedler sich abschotten und unter sich bleiben wollen. „Emilie, Herrin auf Christiansfeld" Mit 17 heiratete Emilie traditionsgemäß den Mann ihrer im Kindsbett verstorbenen Kusine Matilde, den sie jedoch schon lange heimlich liebt. Damit ist sie Herrin auf dem Gut Christiansfeld und zugleich Stiefmutter vom 4-jährigen Friedrich und der 2-jährigen Matilde. Emilie hat Glück, das Einleben auf dem Gut wird ihr von der Schwiegermutter und vom Kindermädchen ihrer Vorgängerin leicht gemacht. Mit inniger Liebe hängt Emilie an dem kleinen Friedrich, der sie „Kleine Mama" nennt. Von allen Gurtsbewohnern geliebt und geachtet schenkt Emilie sieben Kindern das Leben. Jedes ist Kind willkommen und Emilie entwickelt sich zu einer starken Frau und fähigen Gutsherrin. Diese Stärke hilft ihr so manchen Schicksalsschlag zu überwinden. Die Revolution 1917 in Rußland bringt über die Menschen Kummer und Leid. Gottlieb, ihr Mann und die beiden ältesten Söhne werden vom Machno, einem gefürchteten Verbrecher, zerhackt. Dieser Verlust zerbricht sie fast, wären da nicht ihre anderen Kinder, denen sie das Gut erhalten will. Emilie gerät ins Visier der Bolschewiken. Aus der einst verwöhnten und geliebten Gutsherrin wird eine gejagte Frau, die am Schluß, von Stalin verbannt, in den Weiten Sibiriens verschwindet. Leseprobe: Am Abend saßen alle am Tisch und nahmen das Abendessen ein. Das Gespräch ging, wie konnte es anders sein, um den Bürgerkrieg, denn daß es ein solcher inzwischen war, konnte keiner mehr bestreiten. Gottlieb berichtete Ewald über die Meinung des ihnen beiden bekannten Arztes von Orechow: „Vor einigen Wochen waren wir dort. Emilie wollte sich von ihm untersuchen lassen, weil sie große Schmerzen an der rechten Hüfte hatte. Als ich mit ihm über dieses gegenseitige Morden sprach, sagte er sinngemäß etwa so: ‚Man hat das russische Volk immer viel zuviel idealisiert. Man muß es so nehmen, wie es ist. Unter uns gibt es böse und gute Menschen. Zudem darf man nicht vergessen, daß bis vor kurzem noch die Leibeigenschaft in Rußland bestanden hat. Das russische Volk ist noch unselbständig. Die Politiker müßten mehr Geduld haben. Der Kommunismus ist für diese Menschen wie ein Komet am Himmel. Es wird ihnen ein besseres Leben versprochen! Leider begreifen die wenigsten, daß dies niemals der Fall sein kann, daß ihre Sehnsucht danach nur ausgenützt wird." Ewald antwortete: „Ja, die Meinung dieses Arztes teile ich voll und ganz. Nur hilft uns das jetzt im Moment nicht weiter." Gottlieb sah seinen Freund voller Verzweiflung an. Er sprach über seine geheimsten Ängste: „Vielleicht hatte der Müller und seine Frau recht, sie sind wenigstens in Sicherheit. Für uns wäre es wahrscheinlich auch das beste, wir würden alles hier aufgeben und ebenfalls zurück nach Deutschland gehen." Ewald nickte: „Aber alles aufgeben, was wir uns hier so mühsam und über Generationen erarbeitet haben?" Gottlieb seufzte tief: „Wenn man bedenkt, daß Zarin Katharina die Große damals den Siedlern damals versprochen hat, Rußland verlassen zu können, wann immer sie es wollten. Nie in meinem Leben hätte ich mein geliebtes Rußland verlassen wollen! Und jetzt dieser unsägliche Krieg!" Gottlieb konnte nicht mehr weitersprechen, Tränen standen in seinen Augen, seine Lippen zitterten. Er sah in die Runde und fuhr fort: „Ihr werdet es erleben: Die Bolschewisten führen Rußland in den Abgrund! Nicht mehr lange, dann müssen wir Haus und Hof aufgeben, um das Leben unserer Kinder und das unsere zu retten." Bei allem Kummer und Sorgen - die tägliche Arbeit mußte getan werden. Für den nahenden Winter mußte vorgesorgt werden, sonst würde keiner ihn überleben. Die Ernte war eingebracht. Wie jedes Jahr standen in den Kellern große Fässer mit Sauerkraut, Salzgurken, eingelegten Tomaten und sauren Wassermelonen. Der Mais war gebrochen und geschält, die Kolben in den vorgesehenen Speichern eingelagert. Die Sonnenblumen waren gedroschen und zum Ölschlagen in die Ölmühle gebracht. Kartoffeln, Kraut, Möhren, rote Bete und Bodenkohlrabi für den Eigenbedarf im Keller. Die Zuckerrüben wurden gleich vom Feld aus in die Fabrik gebracht, um daraus Zucker zu gewinnen. Auf den Feldern standen nur noch die Mais- und Sonnenblumenstengel. Auf jedem Hof waren haushohe Strohschober für den Winter zum Heizen aufgetürmt. All diese Arbeiten mußte Gottlieb mit nur wenigen Helfern bewältigen. Der Oktober brachte wie gewöhnlich Dauerfröste. Es war die Zeit, in der die Bauern mehr ans Haus gebunden waren, die Zeit - unter anderem - auch der Schlachtungen. Auf Christiansfeld wurden sechs Schweine, drei Jungbullen, viele Gänse und Enten geschlachtet. Schafe wurden bei Bedarf zwischendurch geschlachtet, sie waren im Futterverbrauch ja sehr genügsam. Zu diesem Ereignis kamen wie immer Gottliebs Brüder mit ihren Frauen und halfen mit, auch Freunde aus Neu-Grüntal und natürlich die Angestellten des Gutes arbeiteten mit, um alles schnellstmöglich haltbar zu machen. Auf dem Gut befand sich die Räucherkammer außerhalb des alten Herrenhauses, der Zugang war nur über die Küche zu erreichen. So ein Schlachtfest dauerte in früheren Jahren mehrere Tage, und an jedem Abend gab es für die Helfer ein Festessen. In diesen gefährlichen Zeiten jedoch mußte die Arbeit schnell erledigt und Stillschweigen nach draußen bewahrt werden. Es durfte nichts nach außen getragen werde, um nicht die Verbrecherbanden anzulocken. Für solche Leckerbissen hätten sie jeden umgebracht. Trotzdem waren Scheune und Keller auf Christiansfeld dieses Mal wie in den letzten Jahren auch reichlich gefüllt. Mensch und Tier freuten sich auf den wohlverdienten Winter. Die Menschen, denen Emilie und Gottlieb vertrauen konnten, übersiedelten ins Herrenhaus. Der Schmiedemeister mit seiner Frau und den fünf Kindern zog in den unteren Stock des Herrenhauses ein. Das würde allen zugute kommen, hatte Gottlieb gemeint. Die Machnowzy würden in der Hauptsache deutsche Bauern töten. Wenn sie Christiansfeld wieder überfielen, wäre die Familie des Schmieds besser geschützt. Außerdem hätten sie einen starken Verteidiger mehr im Haus. Die ukrainische Angestellten mußten ins alte Herrenhaus übersiedeln, das war eine reine Vorsichtsmaßnahme. Gottlieb wollte so vor Verrätern sicher sein. Er hatte den Verrat von Pjotr noch immer nicht überwunden, denn gerade diesem Mann hatte er voll und ganz vertraut. Gottlieb tat alles für die Sicherheit seiner Familie und für die Menschen, für die er Verantwortung trug. Wachposten wurden aufgestellt, Fluchtpläne durchgesprochen. „Wir haben an alles gedacht, wir sind gut vorbereitet. Ob wir etwas übersehen haben, können wir jetzt noch nicht sagen. Eines steht fest! Wir müssen sehr wachsam sein", sagte er zu seinen Söhnen. „Es ist nur schade, daß der Schmied mit seiner Familie Christiansfeld verlassen will. Ob er je Erfolg mit seinem Ausreisebemühen haben wird, wage ich zu bezweifeln. Noch ist er aber da, und das ist für uns im Moment die Hauptsache." Gottlieb machte es große Sorgen, daß er nun ohne Müller auskommen mußte. Einen neuen Müller einzustellen oder überhaupt zu finden, war momentan fast aussichtslos. Fritz war jedoch optimistischer: „Vater, meinst du nicht auch, alles wird sich finden, wenn nur erst mal der Krieg vorbei ist. Ich kann inzwischen den Müller ersetzen. Nur die Schmiedearbeit kann ich nicht. Es würde uns schon helfen, wenn der Schmied inzwischen einen anderen Mann anlernen würde, oder?" Der 22jährige Fritz war ein sehr positiv denkender junger Mann geworden, auf den sich sein Vater in jeder Lage verlassen konnte. Der 5 Jahre jüngere Heinrich dagegen war verträumt, sehr mitfühlend gegen Mensch und Tier und schlug seiner Mutter nach. Fritz war zwar für ihn ein Vorbild, so stark und mutig. Aber sein Charakter war so anders, daß er nie in seine Fußstapfen treten könnte. Aber davon wußte nur seine Mama, sie war seine Vertraute und sie machte ihm auch Mut, wenn er mal meinte, die gestellte Aufgabe ginge über sein Können. Gottlieb war stolz auf seine beiden ältesten Söhne, die ihm eine große Hilfe in diesen Notzeiten waren. Die 12jährige Ottilie, die 10jährige Mila und der 7jährige Christian besuchten die Schule in Neu-Grüntal, einen Hauslehrer gab es auf Christiansfeld schon lange nicht mehr. Jeden Morgen brachten sie die Kinder unter Bewachung mit dem Pferdewagen zur Schule und holten sie am Nachmittag wieder ab. Das Mittagessen nahmen sie bei ihrem Onkel Martin ein. Die Kleinsten, die 4jährige Martha, der 2jährige Albert und Otto, erst wenige Monate alt, standen unter der Obhut von Alma und wurden von ihr zuverlässig rundum versorgt. Alle zwei Stunden wurde die Wache auf dem Hof abgelöst. Weil Gottlieb nur wenige Männer zur Verfügung standen, übernahmen Fritz, Heinrich, Edgar und er die Nachtwachen. Der Schmied hatte den Fast-Belagerungszustand nicht lange ausgehalten und war mit seiner Familie vor einigen Tagen nach Odessa abgereist, er wollte lieber in einem Dorf Schutz suchen. Ganz in der Nähe von Odessa hatte er Freunde, bei denen er eine Bleibe zu finden hoffte. Dieser Mann fehlte Gottlieb sehr. Einige der zuverlässigen Arbeiter des Gutes beteiligten sich ebenfalls am Wachdienst, denn auch sie hatten Familien und waren gefährdet, wenn auch nicht so stark wie die deutschen Bauern. Allein der Umstand, daß sie bei einem Faschisten arbeiteten, machte sie zur Zielscheibe. Und den Verbrechern war es sowieso egal, sie töteten jeden, der sich zwischen sie und die Beute stellte. Was Gottlieb nicht bemerkte, war, daß es wiederum einen Verräter auf Christiansfeld gab. Am 27. Oktober 1918 überfielen die Machnowzy im Morgengrauen Christiansfeld. Sie waren trotz der aufgestellten Wachen unbemerkt auf den Hof gelangt. Auf dem Dach saß Edgar, und an der Straße hatte einer der Knechte Wachdienst. Als Gottlieb von verdächtigen Geräuschen aufgeschreckt erwachte, weckte er sogleich seine Söhne. Fritz und Heinrich waren mit wenigen Schritten bei ihrem Ausguck. Draußen war es noch dunkel, sie konnten im Moment nichts Verdächtiges sehen. Sie hörten aber Pferdegetrampel und leises Sprechen. Schnell weckte Gottlieb Emilie und die Kinder. „Wir wissen noch nicht, wie viele es sind. Es kann sein, daß wir fliehen müssen. Macht schnell!" Mehr Worte waren nicht nötig. Zigmal hatten sie zusammen durchgeplant, wie die Flucht ablaufen sollte. Hundertfach hatten sie jeden nötigen Handgriff abgesprochen. Die Frauen mit den Kindern sollten nach Neu-Grüntal flüchten, Emilie sollte sich im Akazienwäldchen verstecken. Als die Frau des Gutsherrn war sie ganz besonders gefährdet. Bekämen die Machnowzy Emilie in die Hände, dann hätten sie ein Druckmittel gegen Gottlieb, und alles wäre verloren. Völlig verstört und noch halb im Schlaf kamen die Kinder herunter ins Eßzimmer. Von dort aus wollte Gottlieb sie durchs Fenster nach draußen heben. Als alle bereit waren, öffnete er den Fensterladen und lugte hinaus. Er konnte niemanden sehen. Einen nach dem anderen hob er hindurch. Emilie trug den kleinen Otto, Alma nahm Albert an die Hand. Direkt hinter ihnen stapfte Ottilie, die Mila und Christian an der Hand hielt. Den Schluß bildeten Amilda und Rosa, sie führten die kleine Martha zwischen sich. Sie liefen vom Haus fort und verschwanden im Dunkeln. Bis nach Neu-Grüntal waren es immerhin mehr als zwei Werst, und nicht nur Otto mußte getragen werden. Als Glück für die Flüchtenden erwies sich, daß um diese Zeit noch kein Schnee lag und sie kaum Spuren hinterließen. Kurz vor Grüntal verließ Emilie die Fliehenden und lief in den nahen Akazienwald. Eigentlich wollte sie ihre Kinder nicht alleine lassen, Gottlieb hatte sie dazu nur mit Mühe überreden können. Nur weil Alma und Amilda die Kinder sicher ans Ziel bringen würden, war sie darauf überhaupt eingegangen. Rosa trug Otto bis zur Schule, dann verließen die Frauen die Kinder wie abgesprochen, sie selber suchten sich ein Versteck bei den Bauern. Lehrer Schulz war an diesem Morgen sehr früh in der Klasse, er hatte schlecht geschlafen, wollte seine Frau und die Kinder aber nicht stören und war deshalb aufgestanden und nach nebenan in das Klassenzimmer gegangen. Er heizte gerade den Ofen an, als es leise ans Fenster klopfte. Draußen stand Ottilie Neugebauer mit ihren Geschwistern. Lehrer Schulz öffnete schnell die Tür und ließ die Kinder herein. „Ist es soweit, Ottilie? Oder warum seid ihr so früh in der Schule?" Der Lehrer war sehr aufgeregt. „Mama sagt, Ihr wißt Bescheid. Der Machno hat das Gut überfallen. Sie hat uns bis vors Dorf gebracht. Jetzt ist sie fort, um sich zu verstecken, damit die Banditen sie nicht ergreifen." Der Lehrer nickte und sah auf die Uhr. Es war noch mehr als eine halbe Stunde, bis die anderen Kinder zur Schule kämen. Er ließ die Kinder sich setzen, ging in seine Wohnung und holte jedem ein Butterbrot. „So, eßt das jetzt. Wenn die anderen Schulkinder kommen, mischt ihr euch einfach unter sie." Draußen war alles ruhig, nichts war von dem Überfall auf Christiansfeld zu hören. Da läutete plötzlich die Schulglocke. Lehrer Schulz lief hinaus und erfuhr, daß der Machno das ukrainische Nachbardorf überfallen habe und die Bürgerwehr ihnen zu Hilfe eilen müßte. Es dauerte auch nicht lange, da jagten die Männer der Bürgerwehr zum Dorf hinaus, dem Nachbardorf zu, das in entgegengesetzter Richtung von Christiansfeld lag. Lehrer Schulz hatte keine Zeit, sich weiter mit den Ereignissen zu beschäftigen, denn die Dorfkinder kamen aufgeregt ins Schulhaus. „Herr Lehrer, Papa läßt Euch sagen, Ihr sollt uns auf keinen Fall auf die Straße lassen. Sicher reiten die Machnowzy durch unser Dorf, wenn die Bürgerwehr sie jagt." Die Kinder saßen schon eine Weile, als plötzlich die Tür aufgerissen wurde und einer der Banditen eintrat. Er ging mit seinem Gewehr, das er über der Schulter trug, durchs Klassenzimmer. Die Kinder hatten große Angst, und gerade das schien ihm Freude zu machen. Er sah in einzelne Hefte und tat so, als verstünde er etwas davon. Plötzlich blieb er an der Bank stehen, in der Ottilie saß und ihren kleinen Bruder Otto auf dem Schoß hielt. Dann drehte er sich um, sein Blick schweifte suchend durch die Reihen. Er erblickte sofort die Bank, in der Mila mit Albert, Christian mit Martha saß. „Was haben diese Kleinkinder hier im Klassenzimmer zu suchen?" rief er ziemlich laut auf Russisch. „Die Kleinkinder gehören mir! Ich habe sie nur ins Klassenzimmer genommen, weil meine Frau etwas erledigen muß und die Kleinen nicht gebrauchen kann", antwortete der Lehrer ohne lange nachzudenken. „Du brauchst mir nicht zu antworten, das Mädchen soll es selber tun! Na, was hat der Kleine hier zu suchen, er gehört ja noch ins Bett!" Der Bandit lachte laut. Anscheinend dachte er, er habe einen guten Witz gemacht. Doch die Kinder konnten nicht darüber lachen, sie waren total eingeschüchtert, und viele verstanden auch kein Wort davon. Der Lehrer antwortete vorsichtig: „Das Mädchen kann kein Russisch. Wir sind hier nur eine Vier-Klassen-Schule. Russisch lernen wir erst ab der fünften Klasse, und zwar im Nachbardorf. Also muß ich Ihnen antworten, Genosse Offizier!" Der fühlte sich geschmeichelt und ließ von Ottilie ab. Lehrer Schulze hielt sich nicht weiter mit dem Mann auf, sondern rief eines der Kinder an die Tafel und diktierte ihm: 145 x 6 -32 = Voller Staunen sah der Verbrecher auf die Tafel und wunderte sich über die hohen Zahlen. Er war neugierig, ob der Junge die Aufgabe auch lösen konnte. Er wartete jedoch nicht in Ruhe auf das Ergebnis, sondern lief hin und her. Mehrmals ging er zum Fenster und sah hinaus. Es schien, als warte er auf ein Zeichen von draußen. Ein Lächeln überzog sein Gesicht, als plötzlich Schüsse zu hören waren. Lehrer Schulz durfte nicht ans Fenster, so konnte er nicht sehen, daß es nur fünf bis sechs Reiter waren, die durchs Dorf ritten und Schüsse in die Luft abgaben. Was dies jedoch zu bedeuten hatte, erfuhren die Dörfler erst, als die Reiter der Bürgerwehr hinter den Verbrechern herjagten. Der Bandit im Klassenzimmer war von seinen Kumpanen gewarnt worden und verließ fluchtartig die Schule. Draußen sprang er auf sein Pferd und preschte den davonjagenden Verbrechern hinterher. Die Männer der Bürgerwehr verfolgten den Reitertrupp, sie wollten ihm den Weg zum Gut abschneiden. Unter den Reitern der Bürgerwehr waren auch Gottliebs Brüder. Als sie merkten, daß die Banditen kurz vor Christiansfeld nach rechts abbogen, bogen sie ihrerseits zum Gut ab. Als sie dort anlangten, war keiner auf dem Hof zu sehen. Alle Fenster und Türen waren fest verschlossen, außer der Haustür vom Herrenhaus. Martin sprang vor dem Haus aus dem Sattel, hetzte die wenigen Stufen hinauf und verschwand im Haus. „Gottlieb, Emilie, wo seid ihr?" Es kam keine Antwort. Er lief in die Stube - sie war leer. An der Treppe zum Obergeschoß lag ein Mann, der nicht zum Gut gehörte, das hatte Martin mit einem Blick festgestellt. Er lief nach oben - auch dort war alles leer. Als er wieder auf den Hof kam, krochen die ersten Arbeiter aus ihren Verstecken. Martin lief über den Hof zu den Stallungen und stieß auf eine Blutspur. Er ging der Spur nach in die Remise, in der die landwirtschaftlichen Maschinen untergebracht waren. Die Spur führte zur Mähmaschine. Er fand seinen Neffen Heinrich darunter liegend. „Hierher, kommt alle hierher. Ich habe Heinrich gefunden! Helft mir, wir müssen ihn vorsichtig hervorholen." Martin rief mehrmals den Namen seines Neffen, bekam jedoch keine Antwort. Der Junge war offensichtlich tot. Vorsichtig zogen sie ihn unter der Mähmaschine hervor und stellten dann tatsächlich seinen Tod fest. Er war verblutet. Nun schwärmten sie nach allen Seiten aus, um die anderen zu suchen. Gottliebs Brüder Jakob und Emil liefen zur Mühle, dort fanden sie Gottlieb und Fritz am See. Beide waren fast bis zur Unkenntlichkeit mit einer Machete zerhackt worden. Martin mußte sich übergeben, bei diesem furchtbaren Anblick drehte sich ihm der Magen um. Wo aber waren Emilie und die Kinder? Darauf konnte ihm keiner antworten. Kurze Zeit später kam ein Reiter aus Neu-Grüntal und berichtete, daß die Kinder in der Schule in Sicherheit seien. Amilda, Alma und Rosa seien wohlauf. Von Emilie wüßte er nur, daß sie sich vielleicht immer noch im Akazienwald versteckt halten könnte. Martin schwang sich aufs Pferd und preschte dem Akazienhain zu. Er rief außer sich vor Angst: „Emilie, Emilie, wo bist du?" Würde er sie irgendwo abgeschlachtet vorfinden? „Martin, Martin, ich bin hier." Er gab dem Pferd die Peitsche und ritt zu ihr. „Was ist geschehen, sind die Verbrecher fort?" „Ja, sie sind fort. Komm, ich zieh dich zu mir hoch, wir reiten zurück aufs Gut." Inzwischen hatten die Männer Edgar auf dem Dachboden gefunden, auch er war mit einer Machete getötet worden. Was passiert war, konnten sie nur vermuten: Edgar, der gerade Wache hatte, saß auf dem Dachboden an der Luke, die er und Gottlieb für die Überwachung eingebaut hatten. Es mußte einen Verräter auf dem Hof geben, denn nur er konnte diesen Ausguck an die Machnowzy verraten haben. Einer der Verbrecher mußte sich unbemerkt aufs Dach geschlichen, Edgar überrascht und getötet haben. Weitere Verbrecher konnten dann, als der Posten beseitigt war, auch aufs Dach klettern und durch die Luke ins Haus eindringen. Als der erste die Treppe herunterschlich, wurde er von Gottlieb oder einem seiner Söhne entdeckt und erschossen. Dann aber konnten sie sich der Übermacht, die vom Obergeschoß herunterkam, nicht mehr erwehren und mußten sich ergeben. Sie flüchteten zum See oder wurden dorthin getrieben. Um sich durch Schüsse nicht zu verraten, hatten die Banditen die Männer mit Macheten zerhackt. Heinrich war demnach nicht gleich tot gewesen. Er schleppte sich noch bis in die Remise, verkroch sich unter der Mähmaschine und verblutete dort. Wäre gleich Hilfe gekommen, hätte er vielleicht gerettet werden können. Die Banditen hatten ihn nur am Oberschenkel und an der Brust verletzt und für tot liegen lassen. Als Emilie das ganze Ausmaß der Ereignisse erfaßt hatte, war sie außer sich vor Schmerz. Daß ihre jüngeren Kinder durch pures Glück überlebt hatten, vermochte sie nur wenig zu trösten. Sie verkroch sich in ihrem Schlafzimmer und weinte die ganze Nacht. Am anderen Morgen kam sie jedoch gefaßt zum Frühstück, sie trug ihr Elend ohne weiter zu klagen. Den anderen war sie unheimlich in ihrer Schweigsamkeit, aber sie ließen sie gewähren. Die vier Särge standen abgedeckt und verschraubt auf dem Hof, Lorbeerbäume zu beiden Seiten, links und rechts die Trauergäste. Nachdem der Pastor einige Worte gesprochen hatte, setzte sich der Trauerzug in Richtung Friedhof nach Neu-Grüntal in Bewegung. Emilie folgte schweigend mit ihren Kindern den Särgen. Wie betäubt setzte sie Fuß vor Fuß auf ihrem schweren Weg. Später wußte sie nicht mehr, wie alles abgelaufen war, als sie ihren geliebten Gottlieb und ihre Söhne zu Grabe tragen mußte. Pastor Kraft hielt auf dem Friedhof eine sehr ergreifende Predigt. Er sprach von der Liebe. Stark wie der Tod sei sie, und so stark müsse nun auch die Ehefrau und Mutter dieser Toten sein. Ihr Mann habe ihr ein Vermächtnis hinterlassen, ein Vermächtnis in der Gestalt seiner Kinder. Dieses Vermächtnis ein Auftrag des Verstorbenen, den sie nur mit der Stärke ihrer Liebe erfüllen könne. Eine Hilfe in ihrem tiefen Schmerz und Leid würden ihr die Kinder sein, die heute an ihrer Seite stünden. Für sie müsse sie leben, für sie müsse sie stark sein. Auch die dunkelste Nacht habe ihr Morgenrot. Dem Guten begegne man dort, wo man es nicht erwarte. Sie dürfe nie an Rache denken. Im Römerbrief 12, 16-21 stehe: „Haltet euch nicht selbst für klug. Vergelte niemand Böses mit Bösem. Befleißiget euch der Ehrbarkeit gegen jedermann. Ist es möglich, soviel an euch ist, so habt mit allen Menschen Frieden. Rächet euch selber nicht, meine Lieben, sondern gebet Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr. So nun deinen Feind hungert, so speise ihn; dürstet ihn, so tränke ihn. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln. Laß dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. Nur der ist tot, der keinen guten Namen hinterlässt." Zuletzt reichte der Pastor Emilie die Hand und sagte: „Ich gebe dir einen Rat mit auf den Weg: Wer vergeben kann, der wird in Frieden leben." Emilie hörte die Worte, doch sie begriff sie nicht. Es kam ihr so vor, als stünde sie abseits und sehe dem Geschehen zu. Die Menschen, die an den Gräbern standen, waren so unendlich weit von ihr und fremd. Sie mußte all ihre Kraft zusammennehmen, um nicht einfach davonzugehen. Hätte das Begräbnis in Friedenszeiten stattgefunden, wären von weit und breit die Menschen herbeigeströmt, um den Toten von Christiansfeld die letzte Ehre zu erweisen. In dieser unsicheren Zeit war die Trauergemeinde sehr klein. Es war viel zu gefährlich, Reiter in die umliegenden Dörfer zu schicken, um den Dörflern von dem Massaker zu berichten und die Todesnachricht zu bringen. Keiner war mehr sicher auf den Straßen, Gesindel trieb sich überall herum, und besonders die selbsternannten Komitees. Jedem Komitee gehörte eine Horde Verbrecher an. Sie zogen schon mehrere Monate durchs Land und rekrutierten Pferde, Kühe und Schweine für das Militär, beschlagnahmten Kartoffeln, Weizen, Hafer für ihre Pferde und vergriffen sich an den Frauen. Was das für ein Militär war, für das sie diese Beschlagnahmungen durchführten, verrieten sie natürlich nicht. Auf jeden Fall mußten die Bauern sich der Gewalt beugen und das Verlangte ausliefern oder sie wurden sofort erschossen. So einfach war das. So kamen nur die nächsten Anverwandten und engsten Freunde: Gottliebs Geschwister mit ihren Familien und die Neu-Grüntaler, Emilies Bruder Johann aus Andrenburg mit seiner Tochter Emma. Christian war schon länger mit seiner Familie nach Deutschland zurückgegangen und hatte von den Ereignissen noch keine Kenntnis. ... Gut Christiansfeld gibt es nicht mehr. Seine Menschen gingen in den Wirren des Stalinismus verloren. Nur noch in der Erinnerung weniger existiert Christiansfeld, tauchen Namen, Orte, Geschehnisse im Gedächtnis der Nachkommen auf. |