Nelly Däs    Richard-Wagner-Str. 36    71332 Waiblingen    e-mail: Nelly.Daes@gmx.de

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Nelly Däs wurde am 8. Januar 1930 in Friedenthal/Ukraine geboren. Sie hatte noch zwei Brüder, Harry und Johann, genannt Hans. Ihre Eltern waren Johann und Emma Schmidt. 1935 floh die Familie, weil dem Vater eine Verhaftung drohte. Eine Odyssee begann, die für Nelly 1945 in Schwäbisch Gmünd (Baden-Württemberg) endete. Genaueres über diese Zeit findet sich in einem Sonderband, der die beiden biographischen Bücher "Wölfe und Sonnenblumen" und "Der Zug in die Freiheit" enthält.

Nach ihrer Herrenschneider-Lehre in Schwäbisch Gmünd wurde sie in Waiblingen seßhaft. Sie heiratete Walter Däs (hier ein Foto, aufgenommen am Tag der Goldenen Hochzeit am 14. 4. 2001) und bekam sechs Kinder, von denen vier im Säuglingsalter starben. Ihr Sohn Harald starb kurz vor seinem 31. Geburtstag. Eine Tochter lebt noch. Nelly Däs ist stolze Großmutter von 2 Enkelinnen und 2 Enkeln und nimmt regen Anteil an ihrem Leben.

Die Laudatio zur Verleihung des Rußlanddeutschen Kulturpreises 1996 ist äußerst lesenswert und zeigt uns in hervorragender Weise, was die Schriftstellerin Nelly Däs ausmacht. 

Nelly Däs Mutter, Emma Schmidt, geb. Eckstein, bekam 1912 zur Konfirmation ein Liederbuch. Sie bewahrte es über all die Jahre auf und es gibt darüber folgende Geschichte:

Im Umschlag stand "Ein feste Burg ist unser Gott für Emma Eckstein", außen war in goldenen Lettern daraufgeprägt: Gesangbuch für die evangelische Kirche in Württemberg Schmuckausgabe

Zum ersten Mal ist mir das Buch ins Bewußtsein gekommen, als mein Vater 1937 verhaftet wurde. Am 7. September klopfte es in der Nacht an unserem Fenster. Vater öffnete, draußen standen drei Milizionäre. "Sind Sie Johann Schmidt Iwanowitsch?" fragte einer der Männer. Mein Vater verneinte, denn der Gesuchte war der Lehrer in Fjodrowka. Ihn hatte man jedoch schon vor Tagen abgeholt. Vater wurde - obwohl er nicht der Gesuchte war - verhaftet und zu 30 Jahre Zwangsarbeit verurteilt. Sein Vergehen? Er war ein Deutscher! Wir hatten keine Bibel und Mutter benutzte ihr Gesangbuch zum beten. In dieser schicksalhaften Nacht wurde das Gesangbuch für Mutter das Wichtigste in ihrem weiteren Leben - außer ihren drei Kindern. Ich hörte Mutter öfters, wenn sie nachts im Dunklen aufstand und ihr Gesangbuch aufschlug. Am Morgen las sie dann, was sie aufgeschlagen hatte und interpretierte den Text auf ihrer Weise. Sie fand in diesem Buch Trost und Hoffnung. 

Als der Krieg 1941 zwischen Deutschland und Rußland ausbrach, suchte sie wieder in den aufgeschlagenen Liedertexten nach einem Ausweg für unsere fast hoffnungslose Lage. Ihr war bewußt, daß die sowjetischen Machthabern uns ins Verderben schicken werden. Uns allen stand der  Weg in die Verbannung bevor, den unser Vater schon vorher gezwungen wurde zu gehen! Durch einen Zufall blieb unserer Mutter und uns der Weg in die Verbannung erspart. Unser Dorf Andrenburg am Dnjepr wurde von den deutschen Truppen eingenommen und wir waren gerettet. 

Als wir in September 1943 auf die Flucht in Richtung Westen gingen, hatte Mutter ihr Gesangbuch, zusammen mit den wichtigsten Dokumenten und etwas Geld, in einem Brustbeutel um den Hals hängen. Bei jeder Gelegenheit holte sie das Buch hervor und fand darinnen Trost. Mutter schöpfte ihre Kraft aus diesem für sie so wertvollem Buch. Wir hatten das Glück, letztendlich in unsere Urheimat Württemberg heimzukehren. Zuvor mußte unsere Mutter ihr Buch noch oft in Anspruch nehmen. Wir waren fünf Familienmitgliedern und in fünf Ländern verstreut. Vater in der Sowjetunion, ich in Polen, Mutter in Deutschland, Harry als Soldat in Frankreich, Johann in Österreich. Wir kamen fast alle wieder zusammen, Vater blieb für immer verschollen. 

Mein Bruder Harry ging 1953 zur Fremdenlegion der Franzosen. Mutter hörte mehrere Monate nichts von ihm Sohn. Da mußte ihr Liederbuch wieder helfen, obwohl sie inzwischen eine Bibel besaß. Ihr Vertrauen in das Gesangbuch war unendlich, und keines der anderen geistlichen Büchern konnte seine Stelle einnehmen. Mutter betete Tag und Nacht, ich wurde schon richtig böse mit ihr. Eines Morgens hörte ich im Radio, daß neun Fremdelegionäre vor Singapur von einem Schiff ins Meer gesprungen waren. Darunter auch ein Deutscher aus Stuttgart, Harry Schmidt. Mutters Beten und ihr Gesangbuch brachte ihr ihren Sohn  wieder. Ihr Glauben an das Buch war unerschütterlich! 

Als Mutter 1956 in Waiblingen starb, wollte ich ihr das Gesangbuch unter die gefalteten Hände legen. Dann besann ich mich, mit dem Gesangbuch war Mutter so eng verbunden, und wenn ich das Buch für mich behielte, würde Mutter mir immer nahe sein. Ich hüte das Gesangbuch heute noch. Jedes Mal, wenn ich es in den Händen halte, sehe ich im Geiste verschiedene Begebenheiten mit Mutter und ihrem Gesangbuch. Erinnerungen  tauchen  auf. Erinnerungen die weh tun, Erinnerungen, die ich einst mit ins Grab nehmen werde.