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"Wölfe und Sonnenblumen" November 1937 - seit mehr als 2 Jahren sind die Schmidts, eine Foto: von links Adeline, Karoline, Emma Eckstein (Mutter von Nelly Däs, 1914 aufgenommen)
Jetzt im einbändigen Sonderband zu bestellen bei Nelly Däs. Leseprobe aus "Wölfe": ... Am 7. November 1937 wurde in der Nacht an unser
Fenster geklopft. Der Vater antwortete. „Aufmachen! Hier ist die Miliz!“ Der Vater öffnete
die Tür. Drei Männer in Uniform standen davor. „Sind Sie der Johann Schmidt Iwanowitsch?“ „Nein, ich heiße Johann Schmidt Gustavowitsch.
Der andere ist Lehrer in Fjodrofka.“ „So? Wir prüfen das nach.“
Sie gingen wieder. „Das gilt mir“, sagte der Vater. „Der mich
angezeigt hat, wußte wohl nur meinen Vatersnamen nicht. Sie kommen bestimmt zurück.
Den Lehrer haben sie ja schon vor drei Monaten geholt. Wenn sie wiederkommen,
dann weck die Kinder!“ Da klopfte es wieder. Der Vater war schon halb
angezogen und ging zur Tür. „Sie waren doch gemeint“, sagte einer der
Milizsoldaten. „Machen Sie sich fertig. Sie müssen zur Vernehmung mit in den
Nachbarort kommen. Am Morgen sind Sie wieder daheim.“ Sie traten ein und fingen an, das Haus zu
durchsuchen. Die Mutter wollte uns Kinder wecken, doch der Führer der drei ließ
es nicht zu. Da nahm Mutter Harrys Hose und warf sie mir auf das Gesicht. Sofort
war ich wach, und sobald ich die Männer sah, wußte ich, was vor sich ging.
Schnell sprang ich aus dem Bett und wollte zu den Brüdern laufen, die zusammen
in einem Bett schliefen. Aber der eine der Männer wurde sehr böse, packte mich
am Arm und schrie: „Mach, daß du ins Bett kommst, du Kröte! Laß die Jungen
schlafen! Wozu denn die ganze Aufregung? Wenn dein Vater unschuldig ist, kommt
er ja morgen wieder heim!“ „Hände weg von meinem Kind!“ schrie der Vater
den Mann an. „Reicht es nicht aus, daß ihr mich mitnehmt? Müßt ihr euch
auch noch an kleinen Kindern vergreifen?“ Harry und Johann wurden selbstverständlich von
diesem Lärm wach, und es war ihnen gleich klar, was die fremden Männer mit dem
Vater vorhatten. Wir hatten ja längst damit gerechnet, daß es einmal dazu käme. Die Milizsoldaten durchsuchten das Haus sehr gründlich,
aber sie fanden nichts außer dem Trauschein meiner Eltern. Der erregte ihr Mißtrauen.
Er war in deutscher Sprache geschrieben, und sie fanden, dahinter könne sich
mancherlei verbergen. Vater erklärte ihnen geduldig, was für ein Papier sie da
gefunden hatten, doch sie meinten, das könne jeder sagen, wahrscheinlich sei es
faschistisches Material, und das Papier sei jedenfalls erst einmal
beschlagnahmt, man werde dann schon weitersehen. Auch die Geburtsurkunden der
Familie und die Taufscheine nahmen sie mit. Offenbar waren sie froh, daß sie
nicht ganz ohne geheimnisvolle Papiere zu ihrem Vorgesetzten zurückzukehren
brauchten. Ihre Freude war vollkommen, als sie auch noch den
Kaufvertrag für unser Häuschen mit dem Blechdach entdeckten, das die Eltern
Tante Rosa abgekauft hatten. „Wer kann sich schon ein so großes Haus
kaufen?“ fragte einer der Männer grinsend. „Doch nur Faschisten, nicht
wahr?“ Die Eltern erwähnten mit keinem Wort, daß die
Mutter Ringe und Broschen verkauft hatte, als sie das Geld für das Häuschen
brauchten. In den Ohren der Milizsoldaten hätte dieser Umstand erst recht dafür
gesprochen, daß wir Kapitalisten und Faschisten sein müßten. „Hier haben wir ja noch etwas!“ rief einer der
Männer und hob ein langes Messer in die Hände. „Das ist unerlaubter
Waffenbesitz!“ „Das ist keine Waffe, sondern ein
Schlachtermesser. Damit werden Schweine und Rinder geschlachtet“, erklärte
der Vater. „Was das ist, mußt du deutsches Schwein schon
uns überlassen“, fuhr einer der Männer ihn an. „Wir wissen das besser.“
Der Vater wandte sich achselzuckend an die Mutter und sagte: „Du merkst ja, sie wollen mir unbedingt einen
Strick drehen. Ich komme nicht wieder, das ist gewiß!“ „Deutsch sprechen ist verboten!“ wurde er
angefahren. „Du hast deiner Frau eben gesagt, wann und wie du ausreißen
willst!“ Der Vater schwieg. Es war zwecklos, ein Wort zu
sagen. Erst als die Männer die Durchsuchung einstellten und sich zum Aufbruch rüsteten,
sagte der Vater: „Meine Kinder sprechen nicht russisch. Darf ich mich auf
deutsch von ihnen verabschieden?“ „Wozu denn verabschieden? Morgen früh bist du
wieder zurück, wenn du wirklich unschuldig bist!“ Da endlich mischte sich der dritte Milizsoldat ein,
der bisher geschwiegen hatte. „Warum soll sich der Mann nicht von seinen
Kindern verabschieden?“ fragte er seine Kameraden. „Versetzt euch doch in seine Lage! Ihr habt doch
selbst Kinder!“ Dabei standen ihm die Tränen in den Augen. Er wandte sich
schnell um und ging hinaus. Vater umarmte Harry: „Ich verlasse mich auf dich,
Harry! Du bist jetzt der Mann. Du mußt der Mutter helfen, die zwei Kleinen großzuziehen.
Hör auf mit der Schule und arbeite in der Kolchose. Und versprich mir, daß du
Mutter und die Kleinen niemals freiwillig verlassen wirst!“ Harry nickte stumm, und der Vater wandte sich an
Johann. „Du mußt schön brav sein und tüchtig lernen, Johann. Du mußt doch
der Mutter einmal helfen können, wenn sie alt und krank ist.“ Ich ertrug es nicht mehr. Ich weinte laut. Der
Vater nahm mich in seine Arme. „Wer wird denn weinen? Du bist doch schon mein
großes Mädchen! Morgen bin ich wieder da. Solange hältst du es doch ohne mich
aus, nicht wahr? Sei immer schön folgsam, damit die Mutter nicht klagen muß,
wenn ich wiederkomme!“ Dann versagte ihm die Stimme, und er weinte wie ein
kleines Kind. Die beiden Männer, die dem Abschied zugesehen hatten, wandten
sich ab und schneuzten sich. „So ein Mist!“ knurrte einer. Nun
verabschiedete sich der Vater von der Mutter. „Achte auf die Kinder! Laß sie
nie allein! Und gräm dich nicht zu sehr. Gott hat es eben so gewollt!“ „Gott?“ Mutter fuhr ihn an: „Den gibt es
nicht! Wenn es ihn gäbe, ließe er so etwas nicht zu!“ Der Vater strich ihr über das Haar. „Ich bitte
dich, Emma, verliere nie den Glauben. Sonst bist du mit den Kindern verloren!“ Das waren seine letzten Worte. Dann ging er zur Tür,
drehte sich noch einmal um, hob die Hand und ließ sie wieder fallen. So sahen
wir unseren Vater zum letzten Male. Auf die Straße durften wir in dieser Nacht
nicht. Draußen ging es ziemlich laut zu. Mutter schlich
hinaus und spähte um die Straßenecke. Dort standen zwei Lastwagen, jeder von
zwei bewaffneten Soldaten bewacht. „Diesmal haben die Menschenjäger ganze Arbeit
geleistet“, sagte Mutter, als sie wieder zu uns kam. „Beide Lastwagen sind
mit Männern vollgestopft!“ Erst zwei Stunden später hörten wir die Wagen
abfahren. Es dämmerte draußen schon. Die Vögel zwitscherten, der Morgen kündete
sich an. Auf einmal war die Straße voller Menschen. Frauen und Kinder schrien
und liefen den Autos nach. Eine Frau schrie immer wieder: „Eduard! Eduard! Du
kannst mich doch nicht verlassen!“ Dann brach sie zusammen. Auch Tante Rosas Mann war abgeholt worden. Sie
stand mit ihren zwei Buben bei uns. Wir froren. Erregung und Kälte ließen uns
zittern. Mutter schickte uns in die Betten. Auch die beiden Kirchner-Jungen
kamen mit uns. Ich kroch in das Bett des Vaters und suchte nach seiner Wärme,
doch das Bett war kalt. Ich weinte mich in den Schlaf. Mein letzter Gedanke war:
Lieber Gott, mach, daß Papa wieder heimkommt. Mutter blieb mit den anderen Frauen draußen.
Einige weinten, die anderen sprachen miteinander. Einer Frau hatte man in dieser
Nacht den Mann und beide Söhne genommen. Als wir Kinder aufwachten, saßen Mutter und Frau
Kirchner am Tisch und tranken Tee. Essen konnten sie nichts. Mutter sagte,
vierundfünfzig Männer seien in dieser Nacht abgeholt worden. Im Dorf konnte
nun kaum noch ein Mann übrig sein. Auch die beiden größeren Jungen der
Familie Gerberschaber waren fort. Der dritte hatte Knochenkrebs. Ihn hatten sie
zurückgelassen und auch den alten Großvater, der schon über siebzig war. Wir alle warteten auf die Rückkehr der Männer.
Das ganze Dorf wartete. Keiner kam zurück, nur am dritten Tage der jüngere
Sohn der Frau Gaus. Er war erst siebzehn, und man hatte ihn laufen lassen. Aber
von Vater und Bruder wußte er nichts. Sie waren getrennt worden. Die Miliz
hatte ihm streng verboten, über seine Erlebnisse während dieser drei Tage
irgendeinem Menschen ein Wort zu erzählen, und er war so verängstigt, daß er
wirklich kaum noch wagte, den Mund aufzutun. Gegen Abend kam Onkel Kastdorf zu uns. „Ich ziehe
jetzt nach Madesowka“, sagte er. „Wenn euer Vater nicht mehr bei euch ist,
will wenigstens ich in eurer Nähe sein.“ Ich wollte und konnte nicht essen. Ich nahm so sehr
ab, daß Mutter sich ernstlich um mich sorgte. ... Leseprobe aus "Zug": ... Am 20. Januar 1945 - morgens um neun Uhr - läutete
das Telefon. Es war die Landjahr-Bezirksführerin aus Posen. Sie teilte Anni
kurz und bündig mit: „Alle Mädchen, die ihre Eltern - oder besser gesagt
ihre Mütter - bis zum Abend noch erreichen können, sollen sofort nach Hause
fahren. Der Rest soll sich zur Flucht bereitmachen. Abends um acht Uhr ist
Abmarsch nach Birnbaum. Das sind vierzig Kilometer. Treffpunkt ist
Frankfurt/Oder. Dort steht ein Lager leer, wo wir einige Tage bleiben werden.
Von diesem Lager geht es dann weiter. Aber das erfahren wir erst in
Frankfurt.“ So - nun war es soweit. Opa Schwarz hatte es ja
vorausgesagt. Anni, Rosemarie und Ilse riefen uns alle im Eßraum zusammen, und
Anni teilte das eben Gehörte mit. Lydia, Lina und Lucy, Else und Christa
durften nach Hause. Es waren im ganzen 18 Mädchen, die heimfuhren. Die
restlichen 22 Mädchen und die Führerinnen machten sich bereit zur Flucht. Der Abschied von meinen Freundinnen war schwer. Ich
begleitete sie zum Bahnhof. „Grüßt alle zu Hause“, mehr konnte ich nicht
sagen. Der Schmerz war zu groß. Die Tränen saßen in dieser Zeit locker. Mit
meinen fünfzehn Jahren hatte ich schon zu oft Abschied nehmen müssen. Ich
verlor Freunde aus den Augen, die ich nie wieder in meinem Leben sehen sollte.
Auch dieser Abschied war etwas Unwiderrufliches, das spürte ich - und ich
behielt recht. Im Schloß herrschte großes Durcheinander.
Rosemarie wollte ihre vielen schönen Bücher nicht hierlassen. Sie packte alle
in einen Reisekorb aus Weiden, verschloß ihn und brachte ihn zu einem Bauern,
der die Sachen von Rosemarie bis Birnbaum mitnehmen wollte. Anni packte auch
einige Kisten voll. Sie hatte viele persönliche Sachen im Schloß. Ilse brachte
ihre Sachen zu Franks, die alles bis Birnbaum mitnahmen. „Von Birnbaum aus
geht es mit dem Zug weiter“, erklärte uns Anni. Wir Mädchen packten unsere Tornister. Viel hatten
wir ja nicht. Ich leerte meinen Schuhputzbeutel und füllte ihn mit Zucker. Zum
Glück hatten wir am Morgen noch 30 Brote bekommen. Die meisten waren noch
vorhanden. Als Anni die Brote verteilte, nahm ich mir zwei. Den anderen war das
zu schwer. Aber ich wußte, was Hunger bedeutet, nur zu oft hatte ich das am
eigenen Leib verspürt. „Laßt lieber was anderes zurück“, riet ich
ihnen. „Nehmt Brot, Zucker, Schmalz, einfach etwas zum Essen mit.“ Manche folgten meinem Ratschlag. Die anderen aber
wollten sich nicht von ihrem Klimbim trennen. Nach dem Mittagessen bat ich Anni
um die Erlaubnis, zu meinem Bauern zu gehen. Ich wollte sehen, wie weit sie dort
mit dem Packen waren. Mit ihnen sollte ich bis Birnbaum fahren. Als ich hinkam,
stand ein Wagen vor der Tür: voll bis obenhin mit Kisten, Säcken und ähnlichem.
Opa war ganz kopflos. Oma weinte. Die Jungbäuerin ging mit verheultem Gesicht
umher. Die Kinder saßen in der Küche, ganz verstört. „Gott sei Dank, daß du kommst“, sagte Opa.
„Ich muß dich vieles fragen. Du hast doch schon eine Flucht mitgemacht - so
mit Pferd und Wagen.“ Ja, das hatte ich. Deshalb sah ich auch sofort, was
Opa falsch gemacht hatte. „Alle Sachen müssen noch mal herunter. Wir müssen
anders aufladen. Die große Kiste muß nach hinten. Hier hinten müssen wir zwei
starke Bretter festmachen, damit die Ladung bei stark steigender Straße nicht
verrutscht. Vorn brauchen wir eine leere Kiste. Den Deckel sägen wir der Länge
nach durch, so daß man sie als Kutschersitz verwenden kann. In die Kiste
stellen wir zwei Stühle mit den Vorderbeinen. So hat der Kutscher eine Lehne.
Sie wird mit Decken behängt, denn wenn es so kalt wird wie heute, braucht er
eine warme Lehne. In die Kiste legen wir Stroh, damit es an den Füßen nicht so
kalt wird. Außen an den Wagen hängen wir einen Eimer und einige Säcke mit
Hafer für die Pferde. Mitten im Wagen müssen wir Platz lassen für einige
Armvoll Stroh. Darauf kommt Bettzeug. Was ihr habt, alles rauf! Da werden Oma
und die Kinder reingepackt. Nehmt alles Eßbare mit. Alles, was ihr auftreiben könnt.
Nur Kartoffeln nicht, die erfrieren.“ Wir arbeiteten ganz verbissen. Opa war auch nicht
mehr der Schnellste und ich halt doch nur ein Mädchen. Der Knecht war am Morgen
verschwunden. Er wußte bestimmt schon lange, daß es so kommen würde. Fast
jeder Pole war in der Untergrundbewegung. Dann schauten wir auch die Hufeisen
der Pferde nach, legten vier Eisen als Ersatz in die Kiste vorn, daß sie
jederzeit greifbar waren. Dazu Hammer, Kneifzange, Säge, Nägel, eine Feile und
ein Ersatzrad, das wir an der Seite festbanden. Genauso wurden Kochtöpfe und
Geschirr griffbereit verstaut. Zuletzt sagte ich Opa, er müsse noch Zugseile
bereitlegen, falls unterwegs etwas reißen sollte. An so vieles hatte Opa nicht
gedacht und dafür einiges mitgenommen, was überflüssig war. Aber ich hatte
schon am eigenen Leib verspürt, was es bedeutet, wenn wichtige Dinge fehlten. Die
Nachbarsleute kamen herüber und fragten Opa, wie er es mache, und er gab meine
Ratschlage gern weiter. Ich versprach, gleich beim Treffpunkt mit meinem
Tornister zu ihnen zu kommen. Treffpunkt war der Ortsausgang in Richtung
Birnbaum um acht Uhr abends. Im Schloß standen die Mädchen herum. Sie waren
sehr aufgeregt. Wir durften von den eingemachten Früchten im Keller essen,
soviel wir wollten. Das taten wir dann auch. Kurz vor acht Uhr kam Lena noch ins Schloß. „Ich
will nur euch allen auf Wiedersehen sagen. Ihr wart immer gut zu mir.“ Zu mir
gewandt sagte sie: „Du Nelly, behalte dein mitfühlendes Herz.“ Ich umarmte
Lena und drückte sie ganz arg. Es war mir egal, ob sie Polin war oder nicht.
Anni sagte zu Lena, sie solle sich Lebensmittel vom Schloß holen - aber noch
solange wir hier waren. Sonst werde sie als Plünderer angeschaut, und die würden
alle erschossen. Natalie sah blaß und bleich aus. Sie war sehr zart, und ich
bedauerte sie. Denn vierzig Kilometer laufen war eine verdammt harte Sache. Wir
sollten zwar bei den Bauern mitfahren, aber wir waren nicht warm genug
angezogen. Die Wagen hatten kein Verdeck. Ein Verdeck zu machen war unmöglich,
die Zeit zu kurz. Die Bauern hatten erst mittags den Befehl erhalten, sich zur
Flucht bereitzuhalten. „Das Beste ist laufen, sonst erfriert ihr euch die Füße“,
meinte Rosemarie. Paulinchen,
unsere Kleinste, hatte unsagbare Angst, von mir getrennt zu werden, denn sie mußte
ja bei ihrem Bauern mitfahren. Als es dann soweit war und wir unsere Tornister
nach unten brachten, kam Natalie die Treppe herunter - schön wie immer: die
Lippen rot geschminkt, die langen Haare offen. Das sah so komisch aus: die
Trainingshose, die derben Schuhe und dazu die roten Lippen. Ich stellte mich vor
sie und lachte aus vollem Hals. „Da schaut die schöne Müllerstochter an! Sie
geht nicht auf die Flucht, sie geht zu ihrem Königssohn!“ Natalie lief vor
Wut rot an. „Du bist geschmacklos, Nelly“, tadelte mich
Rosemarie. „Statt Natalie aufzuklären, lachst du sie aus!“ „Entschuldige, Rosemarie. Auch ich kann nur
lachen“, mischte sich Ilse ein. „Was glaubt Natalie, wie sie aussieht, wenn
sie vierzig Kilometer Fußmarsch hinter sich hat? Sie soll sich lieber ihre
Haare zu Zöpfen flechten, aufstecken und darüber ein warmes Kopftuch ziehen.
Denn immerhin haben wir 22 Grad unter Null.“ Beleidigt - ganz Königin - ging
Natalie nach oben und verschwand im Bad. Anfangs möchte ich Natalie sehr, sie war wunderschön.
Blond, blaue Augen, ein Gesicht wie ein Engel. Bald merkte ich aber, daß das
auch alles war. Ihr Kopf war leer. Sie verließ sich zu sehr auf ihre Schönheit.
Seit sie zu mir einmal „Bolschewik“ gesagt hatte und ich ihr
daraufhin eine geknallt hatte, mochten wir uns nicht mehr. Es war befohlen worden, alles Eßbare sowie die
Einrichtung zu zerstören. Aber das widerstrebte uns. Deshalb ließen wir das
Schloß völlig unzerstört zurück. Vielleicht kämen noch deutsche Soldaten,
und die wären froh, eine Unterkunft zu haben, in der sich noch etwas Eßbares
finden ließe. „Alles zum Abmarsch antreten. Draußen
aufstellen, in zwei Reihen“, rief Anni. Adelheid war mit ihrem Brüderchen zu
uns herübergekommen. Ihre Sachen waren schon bei einem Bauern verstaut. Der
kleine Rolf war jetzt schon müde. Er wollte immer heimgehen und schlafen. Dann war es soweit: Das Schloßtor war passiert,
und wir gingen durch die Allee. Bloß nicht zurücksehen, sagte ich mir im
stillen. „Wer zurückschaut, macht sich Kummer“, sagte meine Mutter, als wir
Andrenburg verließen. An der Hauptstraße hieß es: „Stillgestanden! -
Rührt euch!“ Dann erklärte uns Anni genau, was wir tun sollten: „Jede geht jetzt zu ihrem Bauern. Da bleibt ihr
bis Birnbaum. Von Birnbaum fahren wir mit dem Zug nach Frankfurt/Oder.
Treffpunkt ist also Bahnhof Birnbaum oder Frankfurt. Ich bleibe bis zuletzt in
Birnbaum. Wenn alle Mädchen verfrachtet sind, komme ich wahrscheinlich mit dem
letzten Zug nach.“ Anni verabschiedete uns, und wir gingen auseinander. Mein Bauer stand ziemlich weit vorn. Opa war sehr
aufgeregt, als ich zu ihnen kam. „Hast schon gesehen? Die Straße ist
spiegelglatt.“ „Ja, die war schon vor Weihnachten so. Geschneit
hat es ja seither nicht mehr.“ Die Wagen hatten sich formiert. Alles war
marschbereit. Oma und die Kinder saßen im Wagen, in Bettzeug sicher eingepackt.
„Wenn es losgeht, deckt ihr eine Wolldecke über eure Gesichter, damit sie
euch nicht erfrieren“, sagte Opa. Die Oma wollte, daß ich auch zu ihnen ins Warme
komme, doch davon wollte ich nichts wissen. Die Jungbäuerin hatte ihren
Fahrersitz mit Decken gut gepolstert, so daß sie warm saß. Die Pferde hatten
auch ihre Decken übergelegt bekommen. Die Nacht war bitter kalt. Dann gab der Bürgermeister
das Abfahrtszeichen. Der Treck von Steffanshofen setzte sich in Bewegung. Das
hatte ich schon einmal erlebt. Jetzt wiederholte es sich genauso, wie 1943.
Manche Pferde waren schlecht beschlagen und rutschten oft aus. Nur langsam kam
der Treck voran. Hier und da hörte man die Männer schimpfen und fluchen.
Kinder weinten. Opa und ich gingen neben dem Wagen her. Immer
bereit zuzufassen, wenn eines der Pferde ausrutschte. Der Treck bestand vor
allem aus Frauen, Kindern und Großeltern. Wer Glück hatte, besaß einen noch
nicht so alten, rüstigen Großvater. Bei vielen Wagen war noch der polnische
Knecht dabei, aber die Polen wollten nicht mit. Deshalb flohen viele, sobald
sich eine Gelegenheit bot. War der Bauer zu ihnen vorher nicht gut gewesen, dann
war es sowieso schlimm. Die Knechte machten dann irgend etwas kaputt, um sich
auf diese Weise zu rächen. Bei Schwarzens war der Opa noch einigermaßen auf
Draht. Er war nicht mehr der Schnellste, aber ausdauernd. Mit seiner Pfeife im
Mund, der warmen Zipfelmütze und den dicken Filzstiefeln sah er aus wie ein
typischer Posener Bauer. Langsam und bedächtig ging er neben dem Wagen her. Er
hatte nie viel gesprochen. Jetzt aber schwieg er ganz. „Was meinst du, Vater“, fragte die
Schwiegertochter, „wann sind wir in Birnbaum?“ „Wenn es so weitergeht, morgen früh um fünf
oder sechs Uhr. Aber es geht nicht so weiter“, antwortete er und versank
wieder in sein Brüten. Gleich nach der nächsten Ortschaft mündete die
Straße von Wronke in die Straße nach Birnbaum ein. Den Treck konnte man im
Mondlicht weit sehen. Der Mond stand hell und voll am Himmel. Wie eine
gespenstische Schlange bewegten sich die Wagen. An der Kreuzung fädelten sie
sich ortschaftsweise ein. Eine geschlossene Ortschaft nach der anderen bog in
die Straße ein. So etwa gegen elf Uhr kam der Treck ins Stocken. Es ging und
ging nicht weiter. Die Leute schimpften. Keiner wußte, was los war. „Muß mal sehen“, sagte ich zu Opa, „was da
vorn los ist.“ „Nein, du bleibst da. Du gehst keinen Schritt
weg.“ Die Jungbäuerin hatte Angst, daß ich nicht mehr zurückfände. „Geh ruhig“, erlaubte mir Opa, „du wirst
schon wieder herfinden.“ Ich marschierte los. Ungefähr einen halben Kilometer
weiter vorn war ein Pferd gestürzt. Der alte polnische Knecht bekam es nicht
mehr auf die Beine. Er schlug einige Male auf das Pferd ein, aber es konnte
nicht aufstehen. Die Straße war zu glatt. Als ich hinkam, standen einige Frauen
und alte Männer herum. Aber helfen konnten sie nicht. Das erste, was ich
machte, war, nach den Hufeisen zu schauen. Natürlich: sie waren alle fast
abgelaufen. „Das ist eine Schweinerei!“ schimpfte ich mit
dem alten polnischen Knecht. „Das Pferd hätte schon im Herbst neu beschlagen
werden müssen. Wie kann man ein Pferd mit solchen Eisen überhaupt auf die
glatte Straße lassen?“ „Nelly, Nelly, bist du das?“ Es war Paulinchens
Bauer. Paulinchen drängte sich durch und sagte vertrauensvoll zu mir: „Ich
hatte schon solche Angst, daß wir hier stehenbleiben. Es ist so kalt. Jetzt
bist du da, jetzt geht's bestimmt weiter.“ Ich freute mich auch über Paulinchen. Aber ob es
weiterginge, nur weil ich da war? Da war ich nicht so sicher. Ich dachte schnell
nach, was unsere Männer in diesem Fall beim russischen Treck machen würden.
Auf einmal wußte ich genau, was getan werden mußte. „Los, das Pferd muß ausgespannt werden. Ihr
macht das, bis ich wiederkomme“, erklärte ich dem Knecht. „Ich gehe zu Opa
Schwarz und hole die Feile. Dann feilen wir die Stollen an, so daß das Pferd
wieder einen Halt bekommt.“ So schnell ich konnte, lief ich nach hinten. Ganz
außer Atem kam ich dort an. „Opa Schwarz! Ihr müßt kommen. Der Hofer-Bäuerin
ist ein Pferd gefallen. Wir müssen die Stollen anfeilen und versuchen, es auf
die Beine zu bringen, sonst stehen wir noch morgen früh hier.“ Schnell holte
ich die Feile aus der Kiste. Zweckmäßig hatten wir sie in die Kiste gelegt, in
der die Jungbäuerin ihre Füße stecken hatte. „Wenn die Wagen weiterfahren“, sagte Opa zu
ihr, „fährst du auch weiter. Wir warten vorn.“ So schnell es ging, kam Opa mir nach. Ich war schon
ein Stück voraus. Die Leute hatten inzwischen das Pferd ausgespannt. „Nun müssen wir es an die Seite schieben“,
kommandierte ich, „da ist es nicht so glatt, und es kann Tritt fassen.“ Mit
Schieben und Stoßen, Ziehen, Heben und mit Schimpfen gelang es uns. Nach einer
fast unmenschlichen Anstrengung hatten wir das Pferd aufgestellt. Etwas ängstlich
stand es da auf seinen zittrigen Beinen. Zur Hofer-Bäuerin sagte ich, sie solle dem Pferd
eine Decke überlegen, dann die Seite, auf der es gelegen hatte, mit Stroh gut
abreiben. Dem Knecht aber trug ich auf, auch das andere Pferd auszuspannen und
auf der anderen Seite wieder einzuspannen. Inzwischen war auch Opa angekommen.
Er übernahm es, dem Pferd die Stollen zu feilen. „Du bist ein verdammt tüchtiges Mädchen, Nelly.
Ich bin stolz auf dich“, lobte mich Opa. Ja, Not macht erfinderisch. Außerdem hatte ich auf
dem Treck aus Rußland Augen und Ohren aufgesperrt und auf diese Weise viel
mitbekommen. |