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| Das Mädchen vom Fährhaus
Dieses Buch zeigt Nelly Däs als großartige Erzählerin, die offen und mutig beschreibt, wie Menschen in einer Zeit leben mußten, in der Gorbatschow unhaltbare Positionen im Zeichen von Glastnost und Perestroijka revidierte. Die österreichische Filmemacherin Karin Brandauer begann diesen Stoff 1995 für das ZDF zu verfilmen, starb aber überraschend während der Dreharbeiten. Ausgestrahlt wurde der Zweiteiler "Nadja - Heimkehr in die Fremde" am 16./18. 9. 1996 im ZDF. Hauptdarstellerin war Ingrid Friedrich, weitere Hauptrollen hatten Dietmar Bär, Ulrich Mühe, Udo Schenk, Rolf Hoppe. Foto aus dem Film Das Buch wurde in Dänisch übersetzt.
Leseprobe: Nadja saß auf ihrem Lieblingsplatz unten am Fluß. auf einem abgesägten Baumstumpf träumte sie von der weiten Welt. Viel wußte sie davon nicht. Nur das, was die Fährgäste ihr erzählten, die übers Wasser kamen. Ihr Vater war Fährmann am Fluß Oljokma, ungefähr neun Tage Fußmarsch von der Stadt Oljokminsk entfernt. Zweimal war sie schon mit ihrem Vater in der Stadt gewesen. Da war es wunderschön, und jedesmal, wenn sie in den Urwald und an ihren Fährplatz zurückkam, war sie etwas bedrückt. Obwohl sie das freie Leben in der Taiga liebte, sehnte sie sich nach Geselligkeit mit Gleichaltrigen. Sie wollte unter Menschen sein, mit ihnen reden können und Freundschaften schließen. Im Sommer war es ja sehr schön im Wald und an der Fährstelle. Es kamen viele Fremde über den Fluß, die mit Pferdewagen nach Oljokminsk wollten oder nach Jakusk zu den Märkten. Das war für Nadja die schönste Zeit; von den Fährgästen erfuhr sie, was es Neues draußen in der Welt gab. Doch wenn sie an die endlosen, einsamen Wintermonate dachte, die sie meist allein mit der Großmutter in der eingeschneiten Hütte verbringen mußte, wurde ihre Sehnsucht nach der Welt fast übermächtig. ... „Wer
mehr weiß, versteht
uns besser“ -
das ist das Motto von Nelly Däs Ab
dem 1. April 2003 ist das Buch „Das Mädchen vom Fährhaus“, wieder da! Es
wurde vom Tebbert – Verlag Sendenhorst neu aufgelegt. Es kann in jeder
Buchhandlung zum Preis von 14,90 € erworben werden. Außerdem soll eine
bleibende Eintragung des Werkes bei der „Deutschen Bibliothek“ in
Franfurt/Leipzig erfolgen. Für dieses Buch hat Nelly Däs den Baden-Württembergischen
Literaturpreis 1996 erhalten. Das Buch wurde vom ZDF als Zweiteiler verfilmt und
erfuhr große Beachtung in den deutschsprachigen Ländern Österreich,
Niederlande, Schweiz und Belgien. Verleihung
des Rußlanddeutschen Kulturpreises Hauptpreisträgerin
des Rußlanddeutschen Kulturpreises 1996.
Als
am 22.Juni 1941 der deutsch - sowjetische Krieg begann und die schreckliche
Katastrophe über die Rußlanddeutschen hereinbrach, war sie noch ein Kind.
Deshalb konnte sie noch nicht ahnen, was die schon kurz nach Beginn der
Kriegshandlungen einsetzende Deportation aller Deutschen aus dem Gebiet
diesseits des Urals für sie und ihre Angehörigen an Diskriminierung, Leid und
Entbehrungen bringen würde. Als
Tochter deutscher Eltern, deren Vorfahren 1811 aus Friedrichsfeld im Badischen
nach Südrußland ausgewandert waren, wurde Nelly Däs 1930 im Dorf Friedental
an der Molotschna in der Südukraine geboren. Ihre Eltern waren Bauern. Der
Vater weigerte sich, in den Kolchos einzutreten, weil er „nicht Knecht auf dem
eigenen Hof sein wollte". Daraufhin wurden Land und Hof zwangsweise der
Kollektivwirtschaft übereignet. Die Familie mußte sich auf die Flucht begeben,
immer in Angst vor Verhaftung und Verschleppung durch die Politische
Geheimpolizei. Wie Frau Däs selbst sagt, habe diese Flucht, einschließlich des
Jahres 1943, vor der heranrückenden Front nach Westen aufbrechenden großen
Trecks 10 Jahre gedauert. Ganz auf sich gestellt, erreichte sie im Februar 1945
Deutschland. In Waiblingen fand sie eine neue Heimat, wo sie heute noch
lebt. Aber
auch hier mußte sie noch Monate nach dem 8. Mai 1945 um ihre Freiheit fürchten.
Sowjetische Offiziere und Kommissare zogen durch die Westzonen, um ihre
Staatsbürger aufzuspüren und einzusammeln, um sie zu "repatriieren".
Bis die Alliierten merkten, daß die "Repatrianten" nicht nach Hause
kamen, sondern nach Sibirien und Mittelasien, wo sie unter strenger Aufsicht des
KGB in völliger Rechtlosigkeit gefangengehalten wurden, da war es für viele
unserer Landsleute zu spät. Als
Nelly 8 Jahre alt war, wurde ihr Vater verhaftet. Die in deutscher Sprache
ausgestellte Taufscheine seiner drei Kinder und der Trauschein der Eltern galten
als Beweismittel seiner "Schuld". Den Vater hat die Familie niemals
wiedergesehen, er galt vom Tage der Verhaftung an als verschollen. Wenn
man Frau Däs fragt, wie sie als gelernte Schneiderin zur Schriftstellerin
wurde, sagt sie immer, daß sie sich eines Tages vorgenommen habe, sich
"alles von der Seele" zu schreiben, um die "traumatischen
Erlebnisse" der Jugend leichter zu verarbeiten. Manch einer unserer Autoren
ist diesen Weg auch gegangen. Und
so begann Nelly Däs zu schreiben; erst 20 Jahre nach glücklich überstandener
Flucht. Zunächst waren es 10 karierte DIN A 4 Hefte, die bald die
Aufmerksamkeit des Jugendbuchautors Hans Georg Noack fanden. Durch seine
Vermittlung konnte bereits 1968 ihr erstes autobiographisches Werk „Wölfe und
Sonnenblumen" beim Oetinger Verlag Hamburg erscheinen, dem wenige Jahre später
der zweite Teil "Der Zug in die Freiheit" folgte. Hier schildert sie
aus der Sicht eines jungen Mädchens das Schicksal ihrer Familie vor und während
des Krieges; Flucht und ständige "Furcht vor Sibirien", wie sie die
Angst dieser Jahre nennt, haben sie nie losgelassen. Drei Romane "Schicksalsjahre in Sibirien", "Das Mädchen vom Fährhaus" und "Rußlanddeutsche Pioniere im Urwald" sowie drei Jugendbücher in den letzten 7 Jahren "Mit Timofej durch die Taiga", "Aljoscha, ein Junge aus Kriwoj Rog", "Laßt die Jugend sprechen" und ein Rußlanddeutsches Kochbuch ergänzen den großen Gesamtbestand ihres schriftstellerischen Schaffens. In
keinem ihrer Bücher hat die Autorin typisch rußlanddeutsche Probleme so
meisterhaft angesprochen wie in dem Roman "Das Mädchen vom Fährhaus",
der dem früh verstorbenen Sohn Harald gewidmet ist. Das
ZDF hat den Roman 1996 als zweiteiligen Film mit je 90 Minuten verfilmt -
unter dem Titel "Nadias Heimkehr in die Fremde" - und als Fernsehfilm
gesendet. Nadia,
die Hauptperson, ist Tochter eines deutschen Soldaten und einer Ukrainerin. Was
ist sie nun: Ukrainerin, Deutsche, Deutschrussin oder russische Deutsche? Das
bringt sie in verzweifelte Situationen. Während sie am Fährhaus friedlich in
Gemeinschaft mit Russen lebt und anerkannt ist, wird sie bei ihrer zukünftigen
Schwiegermutter in Moskau als Angehörige der deutschen Volksgruppe angefeindet,
beschimpft und mitverantwortlich gemacht für die grausamen Erlebnisse des
Krieges. Der
Film zeigt darüber hinaus facettenreich die alte Nomenklatur im neuen Gewande,
er spricht auch die Schwierigkeiten an, denen sich die Rußlanddeutschen in den
Ländern der GUS als auch die Spätaussiedler in Deutschland gegenübersehen.
Der Film weckt bei Jugendlichen und Erwachsenen tiefgehende Emotionen. Von
den Jugendbüchern gilt "Mit Timofej durch die Taiga" als
klassischer Abenteuerroman. Der rußlanddeutsche 11-jährige Junge Eugen Werner
flieht aus dem Waisenhaus, um seine verschleppten Eltern zu suchen. Eine
Babuschka nimmt ihn auf, bis er mit Timofej, einem alten Taiga - Jäger,
Freundschaft schließen kann. Mit ihm streift er durch die teilweise noch unberührte
Natur der Taiga. Die dunklen Wälder und glasklaren, fröhlich plätschernden Bäche
vermitteln ihm das Gefühl der Freiheit und Geborgenheit. Dabei erlebt er ein
Abenteuer nach dem anderen: Jagdhütte, Zirpen und Rascheln in Blättern und
Gesträuch in sternklarer Nacht. Dazu die augenzwinkernden, oder auch die
gruseligen Erzählungen des alten gutmütigen Timofej bei knisterndem
Lagerfeuer. Welch ein Kind, welch ein Mädchen oder Junge gerät da nicht in
schwärmerische Begeisterung! Frau
Däs hat neben ihrer schriftstellerischen Arbeit eine rege Vortragstätigkeit über
die rußlanddeutsche Volksgruppe entfaltet, immer mit dem Ziel aufzuklären. Mehr
noch liegt ihr die Jugend am Herzen, die sie in Lesungen aus ihren Werken
schnell zu begeistern vermag. Wenn
Nelly Däs in einer gefüllten Aula vor Hauptschüler, Realschüler oder
Gymnasiasten steht, mit ihrem unverfälschten badischen Tonfall und erquickendem
Humor zur Einführung "Geschichten hinter den Geschichten" erzählt,
hat sie die Herzen der Mädchen und Jungen im Sturm erobert. Die Spannung ist
erreicht, das Interesse geweckt, und die Schüler überschütten sie im Anschluß
mit vielen neugierigen Fragen. Und ganz, gleichsam nebenbei, fordert sie die Schüler
auf, sich um die Klassenkameraden aus Spätaussiedlerfamilien zu kümmern und
sich von ihnen erzählen zu lassen, woher sie kommen und wer sie sind. In
allen ihren Büchern, in allen Vorträgen und Lesungen bleibt sie ihrem anfangs
gesetztem Ziel treu: Verständnis zu wecken für die Rußlanddeutschen und die
Aussiedler in Deutschland, um dem weitverbleiten Defizit an Kenntnissen über
ihre Geschichte und Kultur entgegenzuwirken. Das
begann mit der bilderreichen Schilderung ihrer Jugend und Flucht, setzte sich
fort in Romanen für Jung und Alt und fand ihren vorläufigen Höhepunkt in
spannungsreichen Abenteuerromanen und Jugendbüchern. Aber sie ist nicht nur
eine "Chronistin der Rußlanddeutschen", wie sie einer ihrer
Biographen (OStD Eckhard Scheld) einmal genannt hat. Sie ist das auch, aber sie
ist mehr. Dabei
vergißt sie nicht, Verständnis zu wecken für die Nachbarn der Rußlanddeutschen
in den Herkunftsgebieten und die fruchtbaren Begegnungen mit ihnen und
Wechselwirkungen zwischen ihnen aufzuzeigen. Diesen Bemühungen durchzieht trotz
leidvoller eigener Erfahrungen ein Geist der Toleranz, der gegenseitigen Achtung
und Vergebung, Verachtung des anderen und Haß haben da keinen Platz. Frau
Däs hat zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen erhalten: Bundesverdienstkreuz
am Bande, Goldene Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg, Goldene Ehrennadel
der Landsmannschaft aus Rußland, Deutscher Jugendbuchpreis u.a. Liebe
Frau Däs, Sie haben sich um die Rußlanddeutschen verdient gemacht. Sie haben
sich damit ein Denkmal gesetzt, das ungeachtet aller Diskussionen über die
Aussiedler dauerhaften Bestand haben wird. Gerne gratuliere ich Ihnen von dieser Stelle aus nochmals sehr herzlich zur Verleihung des Rußlanddeutschen Kulturpreises unseres Patenlandes Baden-Württemberg. Dr. Herbert Wiens, Kulturratsvorsitzender der Deutschen aus Rußland e. V
Nadja,
das Mädchen aus der Taiga
Schicksal einer Rußlanddeutschen: Das ZDF verfilmte das Jugendbuch „Das Mädchen vom Fährhaus“
von Nelly Däs als Zweiteiler Auszug aus der Zeitschrift Gong 1996
von Stefan Bauer Die
Dichter sind das kulturelle Gedächtnis eines Volkes, man braucht sie gegen das
Vergessen; das ist durch Flucht und Vertreibung der Deutschen aus dem Osten auf
besonders brutale Weise deutlich geworden. Doch die poetischen Talente sind
ungleich verteilt. Nicht überall gibt es wie in Danzig oder Gleiwitz einen Günter
Grass oder Horst Bienek vorzuweisen.
Die Taiga als literarische Landschaft? Da denkt man zunächst an
rechtslastige Kitschromane vom Typ Konsalik oder – noch schlimmer – Edwin
Erich Dwinger. Die „Rußlanddeutschen“ sind allenfalls als politisches
Problem im öffentlichen Bewußtsein; in der Kunst und Kultur von heute:
Fehlanzeige! Das
soll sich jetzt ändern. Das ZDF hat sich des Themas angenommen. Ein
Frauenschicksal soll für historischen Nachhilfeunterricht sorgen: „Nadja –
Heimkehr in die Fremde“, ein zweiteiliger TV-Film, zeigt den Leidensweg einer
Deutschen von Sibirien bis in die „Urheimat“ Deutschland. Bei der Vorlage mußte
Regisseur Thomas Näter auf das zurückgreifen, was an rußlandkeuscher
Literatur greifbar war. Die Auswahl war nicht üppig. „Das
Mädchen vom Fährhaus“ ist ein Jugendbuch von Nelly Däs, einer gelernten
Schneiderin, die als „Schwarzmeerdeutsche“ 1945 ins schwäbische Waiblingen
kam. In den 60er Jahren begann Nelly Däs Geschichten aufzuschreiben, zunächst
ihre eigene Biographie, später, wie im Fall der „Nadja“, - Begebenheiten,
die ihr von Bekannten zugetragen wurden. Ihr Anspruch: ungekünstelt
niederschreiben „wie es war“. Erinnerungsliteratur für Jugendliche ab 12,
geeignet als einfache Lektüre zum Deutschunterricht für Spätaussiedler. Eine
Familientradition: „Mein Großvater konnte wunderbar erzählen“. So
entstanden bislang neun Bücher, zuletzt der Brasilien-Bericht „Rußlanddeutsche
Pioniere im Urwald“ und das „Kochbuch der Deutschen aus Rußland“. Das
Kochbuch wurde vom Selbstverlag der „Landsmannschaft der Deutschen aus Rußland
e.V. in Stuttgart herausgegeben. Hier ist man mächtig stolz, daß die Sache der
Rußlanddeutschen endlich etwas Publizität erlangt, denn seit Jahren bemüht
man sich redlich, die Volksgruppe auch als Kulturfaktor zu präsentieren. So hat
man einen 30köpfigen „Autorenkreis“ unter dem Vorsitz des Lyrikers Johann
Warkentin initiiert, veranstaltet eine jährliche Kulturtagung nebst Kulturpreis
und gibt den Almanach „Wir
selbst“ heraus: die klassische Infrastruktur eines vom Bundesverband der
deutschen Industrie gesponserten „Subkultur“. Doch der Erfolg außerhalb der
rußlanddeutschen Fankreise blieb bislang gering. Niemand
weiß, welche Literaturtalente unter den Hunderttausenden von Rußlanddeutschen
schlummern, die noch immer „auf gepackten Koffern“ auf ihre Ausreise in den
Westen warten. Reise
ins Universum der eigenen Vorurteile
Regisseur Thorsten Näter über seinen Film Im
Roman „Der seekranke Walfisch“ begeben sich Ephraim Kishon und seine Ehefrau
auf eine Weltreise und betonen, daß sie sich bewußt nicht über die Länder,
die sie bereisen wollen, informiert haben, um »ganz
vorurteilsfrei« an Land und Leute heranzugehen. An diese Haltung mußte ich während
der Vorbereitung zur Verfilmung von „Das Mädchen vom Fährhaus“ oft denken. Wenn
man Filme über Minderheiten macht, ist das immer auch zugleich eine
Auseinandersetzung mit den eigenen Vorurteilen. Die waren bei mir breit
gestreut. Wie viele, hatte ich Schwierigkeiten mit der Einschränkung des
Asylrechts für politisch Verfolgte. War aber zugleich der weitverbreiteten
Meinung, daß, wenn man schon Einschränkungen machen müsse, man doch bei dem
pauschalen Recht der Deutschstämmigen aus den östlichen Ländern anfangen
solle. Als ich den Auftrag erhielt, diesen Film zu machen, wurde mir schlagartig
klar, daß ich nicht die Spur einer Ahnung von der Situation der Rußlanddeutschen
hatte. Für
mich waren das Leute, die ihr vermeintliches Deutschsein benutzen, um der mißlichen
wirtschaftlichen Lage in ihrem Heimatland zu entgehen. Dazu gehört ein weiteres
Vorurteil, nämlich daß Sibirien, wo die Geschichte spielt, etwas Karges,
Unwirtliches ist. Ein Ort, an den man verbannt wird. Die
Strafe für soviel Ignoranz folgte auf dem Fuß. Ich traf in Omsk bei 40 Grad
plus ein, völlig falsch gekleidet und völlig unvorbereitet darauf, durch eine
der wundervollsten Landschaften der Welt gefahren und geführt zu werden. Aber
da gab es noch eine ganz andere Wärme, die für mich überraschend war: die
unvorstellbare Wärme, die von den Menschen ausging, die ich dort traf, Innerhalb von kürzester Zeit stellte sich die Frage für
mich völlig anders: Wie schafft man es, diese Umgebung, diese Nähe und diese
Weite zu verlassen zugunsten einer Enge, in der man nicht wirklich willkommen
ist und von der man nicht wirklich etwas weiß? In einem kleinen Dorf in der Nähe
der Region, in der unsere Geschichte spielt, traf ich auf einen alten Mann,
einen Rußlanddeutschen. Der erzählte mir, daß er und seine Familie eine Woche
später ausreisen würden. Als ich ihn fragte, wie er den Abschied verkrafte,
brach er in Tränen aus und sagte: „Was die uns angetan haben, das kann man
nicht vergessen, bloß weg, bloß weg!“ Das war so einer von denen, die man in Deutschland belächelt,
wie sie nur noch ein paar Reste von einem Dialekt sprechen, den sie selbst für
Deutsch halten. Einer von denen, die auf uns so russisch wirken, daß die
Behauptung, diese Menschen seien Deutsche, uns nur als Schutzbehauptung
erscheinen kann. In der Folgezeit stieß ich immer wieder auf solche
Menschen, Männer und Frauen, die groß geworden waren in dem Gedanken, Fremde
im eigenen Land zu sein. Deren Vorfahren man vor Jahrhunderten zur Besiedelung
ins Land geholt hatte, um dann ihre Nachkommen immer wieder zu benachteiligen
und vor den „Segnungen des Sozialismus“ auszuschließen. Die man im Zweiten
Weltkrieg mit den das Land überrollenden Nazis in einen Topf geworfen und in
der Folge deportiert und verfolgt hatte. Deren
Kinder man den Großteil der Studienmöglichkeiten genommen und die man in ihrer
Freizügigkeit behindert hatte. Ich traf immer wieder auf das positive Vorurteil der
Russen, daß „die Deutschen“ fleißiger, ordentlicher, verläßlicher seien
als die eigenen Leute. Ein Vorurteil, das zur Folge hatte, daß man „die
Deutschen“ gerne in bestimmten Positionen sah, daß sich aber auch immer am
Rande Ressentiments bewegte, in das es leicht umschlagen konnte. Spätestens als ich zu einem Volksmusiktreffen
eingeladen wurde, bei dem Musikgruppen aus ganz Sibirien zusammentrafen, wurde
mir klar, daß das „Deutschtum“, das hier gepflegt wurde, nichts zu tun hat
mit der Volkstümelei unseres „Musikantenstadels“ oder ähnlicher Unsäglichkeiten.
Was hier unternommen wurde, war der Versuch, nach Jahrzehnten des Verbots, die
eigene Geschichte zu begreifen, die eigenen Wurzeln. Diese Menschen sangen von
etwas, das sie verloren hatten und wiederfinden wollten. In der Folge lernte ich, daß das Deutschtum der Rußlanddeutschen
keineswegs etwas war, daß sie sich bewahrt hatten; um sich abzugrenzen, sondern
daß es – ähnlich wie bei vielen anderen Volksgruppen, die Stalin durch
gezielte Umsiedlungspolitik aufgesplittert hatte, ein mühsamer Prozeß der
Wiederentdeckung war. Die Arbeit von Chronisten, sehr oft Lehrer, war, die
Geschichte und Geschichten der Familien wiederzuentdecken, die Bräuche der
Vergangenheit aufzuschreiben und zu versuchen, die verstreuten Gruppen wieder zu
gemeinsamen Aktivitäten zu veranlassen. Diese Gemeinsamkeit aufzugeben bedeutet
für alle, die weggehen, einen weiteren schmerzlichen Abschied. Am Ende
ist es mir selbst schwergefallen, von diesem Land und seinen liebeswerten
Menschen Abschied zu nehmen. Geblieben ist das Bedürfnis, neben allen
wirtschaftlichen und politischen Zwängen, denen die Aussiedler gehorchen, auch
immer von diesem Abschiedsschmerz zu erzählen, den man würdigen muß, um ihnen
gerecht zu werden. Aber das waren nicht die
einzigen Vorurteile, mit denen wir uns auseinanderzusetzen hatten. Der Film
wurde nicht nur in Estland produziert, der größte Teil des Stabs und der
Besetzung waren estnisch. Die Esten, gerade von der Bevormundung durch die
Russen befreit, hatten eine starke Affinität zu unserem Thema, denn sie fühlten
sich dem Schicksal der Rußlanddeutschen durch viele Gemeinsamkeiten aus der
Stalin-Ära verbunden. Es war schwer, ihnen klarzumachen, daß es nicht unsere
Absicht war, die Russen global zu diskreditieren, auch wenn der Film, erzählt
aus der Sicht der Rußlanddeutschen, zwangsläufig kein allzu positives Bild der
Russen zeichnen würde. Eine eher komische Variante
dieser ständigen Diskussion erlebten wir in der Zusammenarbeit mit einem estnischen
Szenenbildner, der sich als regelrechter Russenhasser herausstellte. In seinen
Augen waren die Russen schmutzig, arbeitsscheu, verlogen und unfähig zu jeder
sinnvollen Tätigkeit. Ich hörte mir die beständigen Angriffe gegen alles, was
russisch war, eine ganze Weile an. Bis ich meinem Herstellungsleiter sagte, daß
wir uns von dem jungen Mann wohl trennen müßten, denn es sei kaum möglich,
auf diese Art ein glaubhaftes Bild der Russen zu zeichnen. Gleichzeitig nahmen
wir uns vor, das sehr diplomatisch zu tun, denn wir konnten ja nicht wissen, was
der Mann in der Vergangenheit von den Russen zu erleiden hatte. Die Situation klärte
sich dann aber ganz anders als erwartet. Bevor wir bei der nächsten Sitzung,
dieses Thema zur Sprache bringen konnten, wurden ein paar Fragen zur Gestaltung
unseres russischen Dorfes gestellt, und die estnische Produktionsleiterin
empfahl uns den estnischen Szenenbildner zu fragen. Der kenne sich da am besten
aus. Wir wollten gerade protestieren und ihr sagen, daß wir mit dessen
Russenbild nicht besonders einverstanden seinen, als sie fortfuhr und uns erklärte,
der junge Mann sei nämlich mit einer Russin verheiratet und dadurch ständig in
Kontakt mit Russen, denn seine Frau habe eine sehr große Familie. Tja: Soviel
zum Thema Vorurteile. Das ZDF strahlte den Film „Nadja – Heimkehr in die Fremde“ am 16.
und 17. September jeweils um 19.25 Uhr aus.
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