Nelly Däs    Richard-Wagner-Str. 36    71332 Waiblingen    e-mail: Nelly.Daes@gmx.de

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Das Mädchen vom Fährhaus

Neuauflage seit dem 1. April 2003, von vielen vermisst, jetzt wieder erhältlich

Sibirien 1962. Nadja, 17jährige Tochter des Fährmannes Dimitrij, sitzt träumend am Fluß Oljokma und sehnt sich hinaus in die Welt ... Nadja - in Wahrheit, wie sich später herausstellt, Tochter einer Ukrainerin und eines deutschen Soldaten - steht ein harter und leidvoller Lebensweg bevor, bis sie, zusammen mit ihrem Mann, dem Rußlanddeutschen Eduard, nach Deutschland ausreisen kann.

Dieses Buch zeigt Nelly Däs als großartige Erzählerin, die offen und mutig beschreibt, wie Menschen in einer Zeit leben mußten, in der Gorbatschow unhaltbare Positionen im Zeichen von Glastnost und Perestroijka revidierte.

Die österreichische Filmemacherin Karin Brandauer begann diesen Stoff 1995 für das ZDF zu verfilmen, starb aber überraschend während der Dreharbeiten. Ausgestrahlt wurde der Zweiteiler "Nadja - Heimkehr in die Fremde" am 16./18. 9. 1996 im ZDF. Hauptdarstellerin war Ingrid Friedrich, weitere Hauptrollen hatten Dietmar Bär, Ulrich Mühe, Udo Schenk, Rolf Hoppe.

Foto aus dem Film

Das Buch wurde in Dänisch übersetzt.

 

Leseprobe:  Nadja saß auf ihrem Lieblingsplatz unten am Fluß. auf einem abgesägten Baumstumpf träumte sie von der weiten Welt. Viel wußte sie davon nicht. Nur das, was die Fährgäste ihr erzählten, die übers Wasser kamen. Ihr Vater war Fährmann am Fluß Oljokma, ungefähr neun Tage Fußmarsch von der Stadt Oljokminsk entfernt. Zweimal war sie schon mit ihrem Vater in der Stadt gewesen. Da war es wunderschön, und jedesmal, wenn sie in den Urwald und an ihren Fährplatz zurückkam, war sie etwas bedrückt. Obwohl sie das freie Leben in der Taiga liebte, sehnte sie sich nach Geselligkeit mit Gleichaltrigen. Sie wollte unter Menschen sein, mit ihnen reden können und Freundschaften schließen.

Im Sommer war es ja sehr schön im Wald und an der Fährstelle. Es kamen viele Fremde über den Fluß, die mit Pferdewagen nach Oljokminsk wollten oder nach Jakusk zu den Märkten. Das war für Nadja die schönste Zeit; von den Fährgästen erfuhr sie, was es Neues draußen in der Welt gab. Doch wenn sie an die endlosen, einsamen Wintermonate dachte, die sie meist allein mit der Großmutter in der eingeschneiten Hütte verbringen mußte, wurde ihre Sehnsucht nach der Welt fast übermächtig.  ...

„Wer mehr weiß,

versteht uns besser“

-  das ist das Motto von Nelly Däs 

Ab dem 1. April 2003 ist das Buch „Das Mädchen vom Fährhaus“, wieder da!

Es wurde vom Tebbert – Verlag Sendenhorst neu aufgelegt. Es kann in jeder Buchhandlung zum Preis von 14,90 € erworben werden. Außerdem soll eine bleibende Eintragung des Werkes bei der „Deutschen Bibliothek“ in Franfurt/Leipzig erfolgen. Für dieses Buch hat Nelly Däs den Baden-Württembergischen Literaturpreis 1996 erhalten. Das Buch wurde vom ZDF als Zweiteiler verfilmt und erfuhr große Beachtung in den deutschsprachigen Ländern Österreich, Niederlande, Schweiz und Belgien.  

Verleihung des Rußlanddeutschen Kulturpreises
 Baden-Württemberg


am 13. Dez.1996 im Weißen Saal des Neuen Schlosses/Stuttgart
Laudatio für Nelly Däs,  

Hauptpreisträgerin des Rußlanddeutschen Kulturpreises 1996. 


Wer die Werke von Frau Nelly Däs kommentieren und würdigen will, muß das schicksalsschwere Erlebnisfeld der Autorin als Hintergrund kennen. Nur so kann man Ziele, Methoden und Sujets begreifen, die Frau Däs bei ihrer schriftstellerischen Tätigkeit ständig begleiten.

Als am 22.Juni 1941 der deutsch - sowjetische Krieg begann und die schreckliche Katastrophe über die Rußlanddeutschen hereinbrach, war sie noch ein Kind. Deshalb konnte sie noch nicht ahnen, was die schon kurz nach Beginn der Kriegshandlungen einsetzende Deportation aller Deutschen aus dem Gebiet diesseits des Urals für sie und ihre Angehörigen an Diskriminierung, Leid und Entbehrungen bringen würde.

Als Tochter deutscher Eltern, deren Vorfahren 1811 aus Friedrichsfeld im Badischen nach Südrußland ausgewandert waren, wurde Nelly Däs 1930 im Dorf Friedental an der Molotschna in der Südukraine geboren. Ihre Eltern waren Bauern.

Der Vater weigerte sich, in den Kolchos einzutreten, weil er „nicht Knecht auf dem eigenen Hof sein wollte". Daraufhin wurden Land und Hof zwangsweise der Kollektivwirtschaft übereignet. Die Familie mußte sich auf die Flucht begeben, immer in Angst vor Verhaftung und Verschleppung durch die Politische Geheimpolizei. Wie Frau Däs selbst sagt, habe diese Flucht, einschließlich des Jahres 1943, vor der heranrückenden Front nach Westen aufbrechenden großen Trecks 10 Jahre gedauert. Ganz auf sich gestellt, erreichte sie im Februar 1945 Deutschland. In Waiblingen fand sie eine neue Heimat,  wo sie heute noch lebt.

Aber auch hier mußte sie noch Monate nach dem 8. Mai 1945 um ihre Freiheit fürchten. Sowjetische Offiziere und Kommissare zogen durch die Westzonen,  um ihre Staatsbürger aufzuspüren und einzusammeln, um sie zu "repatriieren". Bis die Alliierten merkten, daß die "Repatrianten" nicht nach Hause kamen, sondern nach Sibirien und Mittelasien, wo sie unter strenger Aufsicht des KGB in völliger Rechtlosigkeit gefangengehalten wurden, da war es für viele unserer Landsleute zu spät.

Als Nelly 8 Jahre alt war, wurde ihr Vater verhaftet. Die in deutscher Sprache ausgestellte Taufscheine seiner drei Kinder und der Trauschein der Eltern galten als Beweismittel seiner "Schuld". Den Vater hat die Familie niemals wiedergesehen, er galt vom Tage der Verhaftung an als verschollen.

Wenn man Frau Däs fragt, wie sie als gelernte Schneiderin zur Schriftstellerin wurde, sagt sie immer, daß sie sich eines Tages vorgenommen habe, sich "alles von der Seele" zu schreiben, um die "traumatischen Erlebnisse" der Jugend leichter zu verarbeiten. Manch einer unserer Autoren ist diesen Weg auch gegangen.
Als abwertende Bemerkungen über die Rußlanddeutschen sich nicht nur an Stammtischen, sondern auch öffentlich häuften, packte sie der Ehrgeiz, und sie entschloß sich, ihre Erinnerungen aufzuzeichnen, um den Ruf der eigenen Volksgruppe zu retten.

Und so begann Nelly Däs zu schreiben; erst 20 Jahre nach glücklich überstandener Flucht. Zunächst waren es 10 karierte DIN A 4 Hefte, die bald die Aufmerksamkeit des Jugendbuchautors Hans Georg Noack fanden. Durch seine Vermittlung konnte bereits 1968 ihr erstes autobiographisches Werk „Wölfe und Sonnenblumen" beim Oetinger Verlag Hamburg erscheinen, dem wenige Jahre später der zweite Teil "Der Zug in die Freiheit" folgte. Hier schildert sie aus der Sicht eines jungen Mädchens das Schicksal ihrer Familie vor und während des Krieges; Flucht und ständige "Furcht vor Sibirien", wie sie die Angst dieser Jahre nennt, haben sie nie losgelassen.

Drei Romane "Schicksalsjahre in Sibirien", "Das Mädchen vom Fährhaus" und "Rußlanddeutsche Pioniere im Urwald" sowie drei Jugendbücher in den letzten 7 Jahren "Mit Timofej durch die Taiga", "Aljoscha, ein Junge aus Kriwoj Rog", "Laßt die Jugend sprechen" und ein Rußlanddeutsches Kochbuch ergänzen den großen Gesamtbestand ihres schriftstellerischen Schaffens.

In keinem ihrer Bücher hat die Autorin typisch rußlanddeutsche Probleme so meisterhaft angesprochen wie in dem Roman "Das Mädchen vom Fährhaus", der dem früh verstorbenen Sohn Harald gewidmet ist.

Das ZDF hat den Roman 1996 als zweiteiligen Film mit je 90 Minuten verfilmt  - unter dem Titel "Nadias Heimkehr in die Fremde" - und als Fernsehfilm gesendet.

Nadia, die Hauptperson, ist Tochter eines deutschen Soldaten und einer Ukrainerin. Was ist sie nun: Ukrainerin, Deutsche, Deutschrussin oder russische Deutsche? Das bringt sie in verzweifelte Situationen. Während sie am Fährhaus friedlich in Gemeinschaft mit Russen lebt und anerkannt ist, wird sie bei ihrer zukünftigen Schwiegermutter in Moskau als Angehörige der deutschen Volksgruppe angefeindet, beschimpft und mitverantwortlich gemacht für die grausamen Erlebnisse des Krieges.

Der Film zeigt darüber hinaus facettenreich die alte Nomenklatur im neuen Gewande, er spricht auch die Schwierigkeiten an, denen sich die Rußlanddeutschen in den Ländern der GUS als auch die Spätaussiedler in Deutschland gegenübersehen. Der Film weckt bei Jugendlichen und Erwachsenen tiefgehende Emotionen.

Von den Jugendbüchern gilt  "Mit Timofej durch die Taiga" als klassischer Abenteuerroman. Der rußlanddeutsche 11-jährige Junge Eugen Werner flieht aus dem Waisenhaus, um seine verschleppten Eltern zu suchen. Eine Babuschka nimmt ihn auf, bis er mit Timofej, einem alten Taiga - Jäger, Freundschaft schließen kann. Mit ihm streift er durch die teilweise noch unberührte Natur der Taiga. Die dunklen Wälder und glasklaren, fröhlich plätschernden Bäche vermitteln ihm das Gefühl der Freiheit und Geborgenheit. Dabei erlebt er ein Abenteuer nach dem anderen: Jagdhütte, Zirpen und Rascheln in Blättern und Gesträuch in sternklarer Nacht.  Dazu die augenzwinkernden, oder auch die gruseligen Erzählungen des alten gutmütigen Timofej bei knisterndem Lagerfeuer. Welch ein Kind, welch ein Mädchen oder Junge gerät da nicht in schwärmerische Begeisterung!

Frau Däs hat neben ihrer schriftstellerischen Arbeit eine rege Vortragstätigkeit über die rußlanddeutsche Volksgruppe entfaltet, immer mit dem Ziel aufzuklären.

Mehr noch liegt ihr die Jugend am Herzen, die sie in Lesungen aus ihren Werken schnell zu begeistern vermag.

Wenn Nelly Däs in einer gefüllten Aula vor Hauptschüler, Realschüler oder Gymnasiasten steht, mit ihrem unverfälschten badischen Tonfall und erquickendem Humor zur Einführung "Geschichten hinter den Geschichten" erzählt, hat sie die Herzen der Mädchen und Jungen im Sturm erobert. Die Spannung ist erreicht, das Interesse geweckt, und die Schüler überschütten sie im Anschluß mit vielen neugierigen Fragen. Und ganz, gleichsam nebenbei, fordert sie die Schüler auf, sich um die Klassenkameraden aus Spätaussiedlerfamilien zu kümmern und sich von ihnen erzählen zu lassen, woher sie kommen und wer sie sind.

In allen ihren Büchern, in allen Vorträgen und Lesungen bleibt sie ihrem anfangs gesetztem Ziel treu: Verständnis zu wecken für die Rußlanddeutschen und die Aussiedler in Deutschland, um dem weitverbleiten Defizit an Kenntnissen über ihre Geschichte und Kultur entgegenzuwirken.

Das begann mit der bilderreichen Schilderung ihrer Jugend und Flucht, setzte sich fort in Romanen für Jung und Alt und fand ihren vorläufigen Höhepunkt in spannungsreichen Abenteuerromanen und Jugendbüchern. Aber sie ist nicht nur eine "Chronistin der Rußlanddeutschen", wie sie einer ihrer Biographen (OStD Eckhard Scheld) einmal genannt hat. Sie ist das auch, aber sie ist mehr.
Sie will nicht nur berichten, sie will vor allem lebendig darstellen, schildern, erzählen, mit Humor und schriftstellerischem Elan Interesse wecken am Buch. Und das gelingt ihr vorzüglich. Da ihre Sujets stets rußlanddeutschem Milieu entstammen, ergibt sich wie selbstverständlich eine Auseinandersetzung mit dem Schicksal der eigenen Landsleute.

Dabei vergißt sie nicht, Verständnis zu wecken für die Nachbarn der Rußlanddeutschen in den Herkunftsgebieten und die fruchtbaren Begegnungen mit ihnen und Wechselwirkungen zwischen ihnen aufzuzeigen. Diesen Bemühungen durchzieht trotz leidvoller eigener Erfahrungen ein Geist der Toleranz, der gegenseitigen Achtung und Vergebung, Verachtung des anderen und Haß haben da keinen Platz.

Frau Däs hat zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen erhalten: Bundesverdienstkreuz am Bande, Goldene Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg, Goldene Ehrennadel der Landsmannschaft aus Rußland, Deutscher Jugendbuchpreis u.a.

Liebe Frau Däs, Sie haben sich um die Rußlanddeutschen verdient gemacht. Sie haben sich damit ein Denkmal gesetzt, das ungeachtet aller Diskussionen über die Aussiedler dauerhaften Bestand haben wird.

Gerne gratuliere ich Ihnen von dieser Stelle aus nochmals sehr herzlich zur Verleihung des Rußlanddeutschen Kulturpreises unseres Patenlandes Baden-Württemberg.

Dr. Herbert Wiens, Kulturratsvorsitzender der Deutschen aus Rußland e. V

 

Nadja, das Mädchen aus der Taiga

Schicksal einer Rußlanddeutschen: Das ZDF verfilmte das Jugendbuch

„Das Mädchen vom Fährhaus“ von Nelly Däs als Zweiteiler

Auszug aus der Zeitschrift Gong 1996  von Stefan Bauer 

 Die Dichter sind das kulturelle Gedächtnis eines Volkes, man braucht sie gegen das Vergessen; das ist durch Flucht und Vertreibung der Deutschen aus dem Osten auf besonders brutale Weise deutlich geworden. Doch die poetischen Talente sind ungleich verteilt. Nicht überall gibt es wie in Danzig oder Gleiwitz einen Günter Grass oder Horst Bienek vorzuweisen.

   Die Taiga als literarische Landschaft? Da denkt man zunächst an rechtslastige Kitschromane vom Typ Konsalik oder – noch schlimmer – Edwin Erich Dwinger. Die „Rußlanddeutschen“ sind allenfalls als politisches Problem im öffentlichen Bewußtsein; in der Kunst und Kultur von heute: Fehlanzeige!

Das soll sich jetzt ändern. Das ZDF hat sich des Themas angenommen. Ein Frauenschicksal soll für historischen Nachhilfeunterricht sorgen: „Nadja – Heimkehr in die Fremde“, ein zweiteiliger TV-Film, zeigt den Leidensweg einer Deutschen von Sibirien bis in die „Urheimat“ Deutschland. Bei der Vorlage mußte Regisseur Thomas Näter auf das zurückgreifen, was an rußlandkeuscher Literatur greifbar war. Die Auswahl war nicht üppig.

„Das Mädchen vom Fährhaus“ ist ein Jugendbuch von Nelly Däs, einer gelernten Schneiderin, die als „Schwarzmeerdeutsche“ 1945 ins schwäbische Waiblingen kam. In den 60er Jahren begann Nelly Däs Geschichten aufzuschreiben, zunächst ihre eigene Biographie, später, wie im Fall der „Nadja“, - Begebenheiten, die ihr von Bekannten zugetragen wurden. Ihr Anspruch: ungekünstelt niederschreiben „wie es war“. Erinnerungsliteratur für Jugendliche ab 12, geeignet als einfache Lektüre zum Deutschunterricht für Spätaussiedler. Eine Familientradition: „Mein Großvater konnte wunderbar erzählen“. So entstanden bislang neun Bücher, zuletzt der Brasilien-Bericht „Rußlanddeutsche Pioniere im Urwald“ und das „Kochbuch der Deutschen aus Rußland“.

Das Kochbuch wurde vom Selbstverlag der „Landsmannschaft der Deutschen aus Rußland e.V. in Stuttgart herausgegeben. Hier ist man mächtig stolz, daß die Sache der Rußlanddeutschen endlich etwas Publizität erlangt, denn seit Jahren bemüht man sich redlich, die Volksgruppe auch als Kulturfaktor zu präsentieren. So hat man einen 30köpfigen „Autorenkreis“ unter dem Vorsitz des Lyrikers Johann Warkentin initiiert, veranstaltet eine jährliche Kulturtagung nebst Kulturpreis und gibt den Almanach  „Wir selbst“ heraus: die klassische Infrastruktur eines vom Bundesverband der deutschen Industrie gesponserten „Subkultur“. Doch der Erfolg außerhalb der rußlanddeutschen Fankreise blieb bislang gering.

Niemand weiß, welche Literaturtalente unter den Hunderttausenden von Rußlanddeutschen schlummern, die noch immer „auf gepackten Koffern“ auf ihre Ausreise in den Westen warten.  

Reise ins Universum der eigenen Vorurteile

Regisseur Thorsten Näter über seinen Film

Im Roman „Der seekranke Walfisch“ begeben sich Ephraim Kishon und seine Ehefrau auf eine Weltreise und betonen, daß sie sich bewußt nicht über die Länder, die sie bereisen wollen, informiert haben, um  »ganz vorurteilsfrei« an Land und Leute heranzugehen. An diese Haltung mußte ich während der Vorbereitung zur Verfilmung von „Das Mädchen vom Fährhaus“ oft denken.

Wenn man Filme über Minderheiten macht, ist das immer auch zugleich eine Auseinandersetzung mit den eigenen Vorurteilen. Die waren bei mir breit gestreut. Wie viele, hatte ich Schwierigkeiten mit der Einschränkung des Asylrechts für politisch Verfolgte. War aber zugleich der weitverbreiteten Meinung, daß, wenn man schon Einschränkungen machen müsse, man doch bei dem pauschalen Recht der Deutschstämmigen aus den östlichen Ländern anfangen solle. Als ich den Auftrag erhielt, diesen Film zu machen, wurde mir schlagartig klar, daß ich nicht die Spur einer Ahnung von der Situation der Rußlanddeutschen hatte.

Für mich waren das Leute, die ihr vermeintliches Deutschsein benutzen, um der mißlichen wirtschaftlichen Lage in ihrem Heimatland zu entgehen. Dazu gehört ein weiteres Vorurteil, nämlich daß Sibirien, wo die Geschichte spielt, etwas Karges, Unwirtliches ist. Ein Ort, an den man verbannt wird.

Die Strafe für soviel Ignoranz folgte auf dem Fuß. Ich traf in Omsk bei 40 Grad plus ein, völlig falsch gekleidet und völlig unvorbereitet darauf, durch eine der wundervollsten Landschaften der Welt gefahren und geführt zu werden. Aber da gab es noch eine ganz andere Wärme, die für mich überraschend war: die unvorstellbare Wärme, die von den Menschen ausging, die ich dort traf,

Innerhalb von kürzester Zeit stellte sich die Frage für mich völlig anders: Wie schafft man es, diese Umgebung, diese Nähe und diese Weite zu verlassen zugunsten einer Enge, in der man nicht wirklich willkommen ist und von der man nicht wirklich etwas weiß? In einem kleinen Dorf in der Nähe der Region, in der unsere Geschichte spielt, traf ich auf einen alten Mann, einen Rußlanddeutschen. Der erzählte mir, daß er und seine Familie eine Woche später ausreisen würden. Als ich ihn fragte, wie er den Abschied verkrafte, brach er in Tränen aus und sagte: „Was die uns angetan haben, das kann man nicht vergessen, bloß weg, bloß weg!“

Das war so einer von denen, die man in Deutschland belächelt, wie sie nur noch ein paar Reste von einem Dialekt sprechen, den sie selbst für Deutsch halten. Einer von denen, die auf uns so russisch wirken, daß die Behauptung, diese Menschen seien Deutsche, uns nur als Schutzbehauptung erscheinen kann.

In der Folgezeit stieß ich immer wieder auf solche Menschen, Männer und Frauen, die groß geworden waren in dem Gedanken, Fremde im eigenen Land zu sein. Deren Vorfahren man vor Jahrhunderten zur Besiedelung ins Land geholt hatte, um dann ihre Nachkommen immer wieder zu benachteiligen und vor den „Segnungen des Sozialismus“ auszuschließen. Die man im Zweiten Weltkrieg mit den das Land überrollenden Nazis in einen Topf geworfen und in der Folge deportiert und verfolgt hatte.  Deren Kinder man den Großteil der Studienmöglichkeiten genommen und die man in ihrer  Freizügigkeit behindert hatte.

Ich traf immer wieder auf das positive Vorurteil der Russen, daß „die Deutschen“ fleißiger, ordentlicher, verläßlicher seien als die eigenen Leute. Ein Vorurteil, das zur Folge hatte, daß man „die Deutschen“ gerne in bestimmten Positionen sah, daß sich aber auch immer am Rande Ressentiments bewegte, in das es leicht umschlagen konnte.

Spätestens als ich zu einem Volksmusiktreffen eingeladen wurde, bei dem Musikgruppen aus ganz Sibirien zusammentrafen, wurde mir klar, daß das „Deutschtum“, das hier gepflegt wurde, nichts zu tun hat mit der Volkstümelei unseres „Musikantenstadels“ oder ähnlicher Unsäglichkeiten. Was hier unternommen wurde, war der Versuch, nach Jahrzehnten des Verbots, die eigene Geschichte zu begreifen, die eigenen Wurzeln. Diese Menschen sangen von etwas, das sie verloren hatten und wiederfinden wollten.

In der Folge lernte ich, daß das Deutschtum der Rußlanddeutschen keineswegs etwas war, daß sie sich bewahrt hatten; um sich abzugrenzen, sondern daß es – ähnlich wie bei vielen anderen Volksgruppen, die Stalin durch gezielte Umsiedlungspolitik aufgesplittert hatte, ein mühsamer Prozeß der Wiederentdeckung war. Die Arbeit von Chronisten, sehr oft Lehrer, war, die Geschichte und Geschichten der Familien wiederzuentdecken, die Bräuche der Vergangenheit aufzuschreiben und zu versuchen, die verstreuten Gruppen wieder zu gemeinsamen Aktivitäten zu veranlassen. Diese Gemeinsamkeit aufzugeben bedeutet für alle, die weggehen, einen weiteren schmerzlichen Abschied.

 Am Ende ist es mir selbst schwergefallen, von diesem Land und seinen liebeswerten Menschen Abschied zu nehmen. Geblieben ist das Bedürfnis, neben allen wirtschaftlichen und politischen Zwängen, denen die Aussiedler gehorchen, auch immer von diesem Abschiedsschmerz zu erzählen, den man würdigen muß, um ihnen gerecht zu werden.

 Aber das waren nicht die einzigen Vorurteile, mit denen wir uns auseinanderzusetzen hatten. Der Film wurde nicht nur in Estland produziert, der größte Teil des Stabs und der Besetzung waren estnisch. Die Esten, gerade von der Bevormundung durch die Russen befreit, hatten eine starke Affinität zu unserem Thema, denn sie fühlten sich dem Schicksal der Rußlanddeutschen durch viele Gemeinsamkeiten aus der Stalin-Ära verbunden. Es war schwer, ihnen klarzumachen, daß es nicht unsere Absicht war, die Russen global zu diskreditieren, auch wenn der Film, erzählt aus der Sicht der Rußlanddeutschen, zwangsläufig kein allzu positives Bild der Russen zeichnen würde.

 Eine eher komische Variante dieser ständigen Diskussion erlebten wir in der Zusammenarbeit mit einem estnischen Szenenbildner, der sich als regelrechter Russenhasser herausstellte. In seinen Augen waren die Russen schmutzig, arbeitsscheu, verlogen und unfähig zu jeder sinnvollen Tätigkeit. Ich hörte mir die beständigen Angriffe gegen alles, was russisch war, eine ganze Weile an. Bis ich meinem Herstellungsleiter sagte, daß wir uns von dem jungen Mann wohl trennen müßten, denn es sei kaum möglich, auf diese Art ein glaubhaftes Bild der Russen zu zeichnen. Gleichzeitig nahmen wir uns vor, das sehr diplomatisch zu tun, denn wir konnten ja nicht wissen, was der Mann in der Vergangenheit von den Russen zu erleiden hatte. Die Situation klärte sich dann aber ganz anders als erwartet. Bevor wir bei der nächsten Sitzung, dieses Thema zur Sprache bringen konnten, wurden ein paar Fragen zur Gestaltung unseres russischen Dorfes gestellt, und die estnische Produktionsleiterin empfahl uns den estnischen Szenenbildner zu fragen. Der kenne sich da am besten aus. Wir wollten gerade protestieren und ihr sagen, daß wir mit dessen Russenbild nicht besonders einverstanden seinen, als sie fortfuhr und uns erklärte, der junge Mann sei nämlich mit einer Russin verheiratet und dadurch ständig in Kontakt mit Russen, denn seine Frau habe eine sehr große Familie. Tja: Soviel zum Thema Vorurteile.

Das ZDF strahlte den Film „Nadja – Heimkehr in die Fremde“ am 16. und 17. September jeweils um 19.25 Uhr aus.